Carmen im Schnee

Es schneit und schneit und schneit. Schon seit Tagen. Wohlig wollen wir uns in einen Kinosessel werfen und den neusten bulgarischen Blockbuster sehen. Dank des internationalen Filmfestivals laufen die für ein paar Wochen mit englischen Untertiteln. Als wir mit dem Strom der Menge aus der U-Bahn laufen, kommen wir an einer Frau vorbei, die betörend schön das Ave Maria singt. Die ganze Unterführung, dunkel und grau und in den Ecken elendig stinkend, ist erfüllt von ihrer Stimme. Wie alle haben wir es eilig und huschen schnell an ihr vorbei. Es bricht mir das Herz, ihr nichts zu geben, aber dem anerkennenden Blick, den ich ihr wenigstens schenken will, weicht sie aus.

Zwanzig Minuten später (der Film war leider schon ausverkauft) schlendern wir den Pracht- und Einkaufsboulevard Vitosha entlang. Bezaubernde Stimmung an einem bitterkalten Sonntagabend: Es liegen schon zwanzig Zentimeter Schnee und es rieselt immer weiter.  Plötzlich kommen uns Opernmelodien entgegen. Die Frau aus der U-Bahn steht im Eingang von „More&More“, wo alles gerade zur Hälfte rausgeschmissen wird, und singt Carmen. Wunderschön und mit Feuer in der Stimme. Sie muss professionelle Sängerin sein. Neben ihr ein uralter Laptop und ein Kinder-Lautsprecher, aus dem das Orchester kommt. Passanten bilden einen Kreis, sie tritt aus dem Eingang heraus und tanzt und dreht sich in den Flocken als stände sie tatsächlich auf der Bühne. Stolz, mit Glut in den Augen.

Die Menschen klatschen, Bravorufe. Alle zücken ihre iphones, aber mir ist es peinlich das jetzt aufzunehmen. Eine bulgarische Carmen mit selbst gestrickter Mütze und blauen Lippen. Eine Frau im Pelzmantel drückt der Sängerin einen Geldschein in die Hand. „Gehen Sie nach Hause, es ist kalt. Sie müssen auf Ihre Stimme achten“, übersetzt mir Jani. Die Sängerin schlägt die Augen nieder und singt die nächste Arie. Diesmal auf italienisch.

Auch wir legen etwas in den Papierbecher. Zehn Leva (umgerechnet fünf Euro). Ich frage mich noch, ob das nicht zu viel ist. Als ich zu Hause meinem Mantel in den Schrank hänge und all die teuren Kleider sehe, die ich aus Deutschland mitgeschleppt habe, schäme ich mich.

 

PS: Ein paar Tage später sehen wir einen Bericht im Fernsehen. Eine bulgarische Opernsängerin ist nach zwanzig Jahren in Australien nach Hause zurückgekehrt. Sie hat  noch kein Engagement hier, aber sie hatte so Heimweh.

 

https://www.youtube.com/watch?v=OYfMRZTDLZQ

Plädoyer für ein Leben im Abseits

Warum ich ein Leben in Bulgarien versuche

Bulgarien? Ziehst Du dann nach Bukarest? Das fragte eine Freundin, als ich ihr ankündigte, für ein halbes Jahr oder mehr in den Osten zu gehen. Bulgarien mit Rumänien zu verwechseln oder wenigstens ihre Hauptstädte durcheinander zu bringen, ist für eine promovierte Völkerrechtlerin und überzeugte Europäerin zwar peinlich – schliesslich hatten besagte Freundin und ich vor zehn Jahren an dieser Pariser Elitehochschule noch alle Länder der Erde samt Hauptstadt und Bruttosozialprodukt auswendig gelernt – aber immerhin mehr als ein Schulterzucken. Denn das war die häufigste Reaktion, die ich mit der Verkündigung meiner Pläne erntete.

Skipisten und Sandstrände? Erfinder des Joghurts? EU-Mitglied? NIEMALS!

All das zeigt, wie relevant Südosteuropa für Menschen aus dem Zentrum Europas ist. Nämlich gar nicht.

Ehrlich gesagt, ging es mir ähnlich, bevor ich vor sechs Jahren meinen Freund kennenlernte. Als gebürtiger Bulgare, der nach zwanzig Jahren in Deutschland fast mehr Fremdwörter beherrscht als ich, muss er sich beim ersten Kennenlernen den immer gleichen Spruch anhören: Jani? Ist das eine Abkürzung? Bist Du Grieche? Ich geb’s zu:  Das hab ich ihn auch gefragt.

Dann kamen verliebte Tage am Schwarzen Meer,  Ausflüge zu einsamen Bergdörfern und sowjetischen Denkmälern, Aufwachen zu Hahnengeschrei und ein Paprikasommer, dessen Düfte ich nie mehr vergessen werde. Sicher,  es knallte auch ein Schuss durch die Sommernacht, weil sich zwei Stiernacken beim Rakia in die Haare gekommen waren. Und die Roma-Kinder, die auf ihren Pferdefuhrwerken an den schicken Bars der Hauptstadt vorbei kutschierten, ließen gesellschaftliche Untiefen erahnen, von denen nichts in den Berichten an die EU-Kommission in Brüssel steht.

Für mich war Bulgarien eine fremde Welt, die mich rätselhaft anzog. Balkan – nur viel freundlicher als Ex-Jugoslawien, dessen Kriegsflüchtlinge in den Neunzigern in meine Klasse kamen. Vor allem aber spürte ich bei meinem Freund und allen Exil-Bulgaren, die ich mit der Zeit kennenlernte, etwas, das ich nicht kannte und um das ich sie heimlich beneidete. Eine heiße Sehnsucht nach dem Land ihrer Kindheit, ein unterschwelliges „Wenn es hier nicht klappt, kann ich immer noch nach Hause zurück.“

Als sich dann ein Schlupfloch in unseren Arbeitsverträgen ergab, war klar: Wir versuchen ein Leben in Bulgarien – in der Hauptstadt SOFIA. Mal sehen, wie lang es uns gefällt.

Ein Leben am südlichen Rand Europas, abseits vom Wahren, Guten und Schönen, jedenfalls von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Kurz: Ein Desaster für meinen Lebenslauf. Die Bekannten mit den guten Jobs zogen die Augenbrauen hoch. Der Onkel, der seine Patentochter endlich im „wahren Leben“ mit sozialversichungspflichtigem Job sehen möchte, sah Hopfen und Malz verloren. Ganz zu schweigen von der Oma, die „den Osten“ nur aus den Fronterzählungen ihres verstorbenen Mannes kennt. Aber alle wussten: Das Abseitige hat mir schon immer gefallen.

Da bin ich nun also: In Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Dieser Blog erzählt von meinem Leben hier.