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Am Grab von Georgi, dem Bären

veröffentlicht am August 14th 2015 in Absurdistan & Am Wegesrand mit 1 Comments

Wo Menschen ihre Toten mit Wein begießen und ihnen Kaffeebecher ans Grab stellen, muss der Glaube ans Jenseits besonders stark sein.

Eine Bildergeschichte vom Hauptfriedhof in Burgas

Eine halbe Stunde schon sitze ich am Fuß eines Stromhäuschens auf dem Hauptfriedhof von Burgas. Die Augustsonne knallt mir senkrecht auf dem Kopf, die Luft flimmert. Ich überlege, ob Elektrosmog auf Friedhöfen ebenso tödlich ist wie auf deutschen Ackern neben der Autobahn. Der Schwarm minisküler Mücken über mir ist jedenfalls quick und lebendig. Freudig fallen sie mir in den Nacken und attackieren meine bereits distel-zerkratzen Beine.

Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe

Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe

Ein Fluch fliegt vom nahen Gräberfeld herüber. Jani kann das Grab seines Vaters und Großvaters nicht finden. Überall nur hohes Gras und Disteln. Dichtes Gebüsch und ganze Bäume sind seit seinem letzten Besuch auf Wegen und Beeten gewuchert. Und die Grabsteine sehen alle gleich aus. Einfache Betonplatten, in den Sechziger und Siebziger Jahren schräg angeschnitten, danach wieder rechtwinklig. Die Fotos der Toten sind vergilbt, die meisten kaum mehr zu erkennen.

Ich nutze die Zeit, um ein wenig Gräberkunde zu betreiben. Der Umgang eines Volkes mit seinen Toten dürfte einiges über die Werte einer Gemeinschaft verraten, über deren Vorstellungen von Leben und Tod und was auch immer danach kommen mag. Darüber kommt man sonst nicht so einfach ins Gespräch mit den Nachbarn oder den Kollegen aus dem Coworking Space.

 

Georgi, der Bär

Georgi, der Bär

Auf dem Weg in den hinteren Teil des Friedhofs waren wir bereits an einigen Kuriosa vorbei gekommen. Ein lebensgroßer Bär etwa, der sich bedrohlich über vertrocknete Osterglocken und ein paar Plastik-Nelken erhebt. Hier liegt Georgi, der Bär, erklärt die Grabinschrift. Falls Georgi Glück hatte, führt er im Jenseits jetzt tatsächlich das unbeschwerte Leben eines Bären.

Auch Grabsteine in Form von Surfbrettern, Schmetterlingen und Engelsflügeln gibt es. Reich verziert mit Fotos der Verstorbenen und Insignien ihres vergangenen Lebens: Handy, BMW Boxhandschuhe und Computer. Für Dimtscho Akkordeon, Weinglas und Fluppe. Und für DJ „Joro, das Beil“ natürlich die Turntables. Bestimmt läuft in der Himmelsdisco jetzt beilharter „Chalga“, bulgarischer Ethno-Pop aus Engelszungen.

Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes

Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes

Manche Grabsteine offenbaren auch unwahrscheinlichen Karrieren wie sie nur in Bulgarien nach der Wende möglich waren: Jantscho Patrikov etwa wurde vom Ringer zum erfolgreichen Geschäftsmann. Wie könnte er sich sonst einen Gladiolen besteckten Logenplatz am Hauptweg leisten?

Allein die Abbildung der Toten, oft im glücklichsten Moment ihres Lebens, gruselt mich. Stojan, die blondierte Mähne vom Winde verweht, das Handy in der Hand, der Mercedes im Hintergrund. Krasimir, das „Brüderchen“, beim Kitesurfen, Snowboarden, Motorradfahren und Posieren für die Kamera. Oberstleutnant Atanasov in Uniform, lässig in die Sonne blinzelnd. Und die junge Slatina mit der zweijährigen Maria auf dem Arm. Beide gestorben am selben Tag. Darunter der Spruch: „Keiner ist tot, solange es jemanden gibt, der ihn liebt“.

Vor allem die jungen Gesichter in den ersten Reihen fallen mir auf. Jungs mit dicken Muskeln und kindlichen Augen. Es sind womöglich „Mutra“ (zu deutsch „Fratze“), Mitglieder der ortsansässigen Mafia, die im Kampf für die Sache ums Leben kamen. Der Clan ehrt sie mit besonders pompösen Grabsteinen, Marmorplatten, Chromgestängen und roten Absperrkordeln wie im Museum. Je näher am Gehweg, desto mehr Ehre. Und je näher am Eingang, desto mehr und häufiger wohl auch die potenziellen Besucher.

 

Best Dad, best intellect: Dido

Best Dad, best intellect: Dido

Nie hätte ich gedacht, dass die Steinmetzkunst am äußersten Rand Europas, auf einem Friedhof am Schwarzen Meer, ihren mir unbekannten Höhepunkt erreicht. Die gemeißelten Gesichter auf den Grabsteinen wirken so lebendig, als fingen sie gleich zu sprechen an. So wie Dido, ein früh ergrauter Endvierziger. Mit in die Seiten gestützten Armen, geradezu agil präsentiert er sich auf seinem Grabstein. „Best Dad. Hands down“ steht auf seinem T-Shirt.

Die Steinmetze müssen ganze Arbeit geleistet haben, um Didos Armband-Uhr und den Ehering so zum Glänzen zu bringen. Aber wahrscheinlich ist es eher eine digital gesteuerte Maschine, die Bilder in HD und 3D-Optik in den Marmor fräst.

Unter Didos Bild eine Inschrift, die es mit einem altrömischen Epigramm aufnehmen könnte: „Wir verbeugen uns vor Deinem Intellekt, Deinen vielseitigen Interessen, großem Wissen und breiter Bildung.“ Im Angesicht eines Mannes in Motto-T-Shirt („Best Dad“) und Jägerweste eine offensichtliche Text-Bild-Schere.

Chalga auf dem Friedhof

Von hoher Kunstfertigkeit zeugen auch die grell bedruckten Glasplatten, die sich besonders auf Kindergräbern einiger Beliebtheit erfreuen. Comic-Helden, Engelchen und Schmetterlinge vor Wiesenidyll. In einem Glaskasten, ganz nah an der Erde, entdecke ich bemerkenswerte Grabbeigaben: Ein weißer Tiger und ein Affe aus Plüsch, ein Wasserfläschchen aus Plastik (geöffnet) und ein Kaffeebecher samt Löffel. Nach langem Schlaf im Schmetterlingsgrab weckt so ein Nescafé aus der Lieblingskeramik sicher schöne Erinnerungen.


Georgi, der Bär, musste sich wohl mit Wein begnügen. Wie die leeren Flaschen an frischen Erwachsenen-Gräbern zeigen, ist es in Bulgarien Tradition nach Blumen und Erde auch Wein ins Grab zu schütten. Das hilft beim Einschlafen und tilgt böse Gedanken.

Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende

Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende

Wie bei den alten Römern

Weiter hinten, wo die Wege nicht mehr so gepflegt sind, tauchen öfter auch Kommunisten-Sterne auf den Grabsteinen auf. Ließen sich die Genossen eigentlich vom Popen begraben? Oder sprach da der lokale Parteisekretär das letzte Geleit? Und was, wenn die Witwe sich nach drei Jahrzehnten, zwei Inflationen und einem Systemwechsel nur mit dem Segen der Kirche zu ihrem Mann legen will? Dann wird einfach ein Kreuz vor Grabstein gesetzt – ohne Stern.

Ein Motorrad fürs Jenseits

Ein Motorrad fürs Jenseits

Gerade im Vergleich mit den schlichten, zuweilen fast abstrakten Grabsteinen aus sozialistischer Zeit fällt heute ein übersteigerter Realismus in der Gestaltung auf. Der postsozialistische Kitsch, den ich aus Shopping-Malls und Wohnungseinrichtungen kenne, macht nicht einmal vor dem Friedhof halt. Überall Pastell, Plastikblumen, Markenlogos und dicke Uhren.

Vielleicht weil die Menschen erfahren haben, dass Ideen von heute auf morgen nichts mehr wert sein können, klammern sie sich heute so sehr an materielle Werte. Und diese bleiben ihnen sogar im Jenseits erhalten, wenn sie nur sicher in einem Glaskästchen am Grab bereit liegen. Ein heidnischer Totenkult wie bei den alten Römern. Auch ihnen galt als höchste Kunst, jede Falte der Verstorbenen möglichst detailgetreu nachzumeißeln.

Plötzlich Rufe aus dem Elektro-Smog-Gebiet. Jani hat das Grab seines Vaters gefunden. Ein wild wucherndes Nadel-Ungetüm hatte den Grabstein, ha, unter sich begraben. Ein Kommunisten-Stern ist nicht drauf. Nur die ausgeblichenen Schwarz-Weiß Fotos zweier gar nicht so alter Männer. Wir reißen trockene Wurzeln aus dem Boden und pflanzen zwei kleine Rosenbäumchen in die Wüste. Hoffentlich überleben sie wenigstens die eine Woche bis wir wieder in Sofia sind.

 

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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