Forget your past!

Wie ich einmal versuchte mit extraterrestrischen Lebensformen Kontakt aufzunehmen und auf einem Gipfel im Balkangebirge ein Ufo landete.

Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.
Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.

Bisher hatte ich gedacht, das bizarre Denkmal im Park vor unserer Haustür sei an Monstrosität und Traurigkeit nicht mehr zu übertreffen. Ein rostiges Stahlgerippe ragt schräg ins Panorama. Die riesenhaften Metallfiguren sind nur zur Hälfte abmontiert, die stolze Brust des Partisanen ist aufgerissen und innerlich hohl. Notdürftig abgesperrt haben Sprayer und Skater den Betonsockel in Beschlag genommen.

Aber Niky, ein befreundeter Fotograf, erzählt mir, in den Bergen im Landesinneren gebe es noch etwas viel Unglaublicheres. Ein verlassenes Beton-Ufo auf einem Gipfel, das seit der Wende stetig vor sich hin bröckelt. Die Kommunisten hätten es 1981 zur 1300 Jahr-Feier Bulgariens dort abgesetzt, weil 90 Jahre zuvor hier auf dem Busludscha-Gipfel die Kommunistische Partei Bulgariens gegründet worden sei. Diktator Schiwkow ließ sich im Versammlungssaal neben Marx und Lenin mit golden Mosaiksteinchen verewigen. Trat der Bauernführer nach einer Sitzung in den Gang hinaus konnte er über die prächtigen Weiten der bulgarischen Tiefebene blicken und sich mit einem Glas Krim-Sekt in der Linken an der eigenen Allmacht berauschen. Nach der Wende kratzten ihm enttäuschte Genossen die goldenen Steinchen aus dem Gesicht.

Da wollen wir hin!

Dimitar Blagoev am Fuße von Busludscha
Der erste Kommunist Bulgariens: Dimitar Blagoev.

Nach einer langen Fahrt durch eine ausgedörrte Ebene empfängt uns am Fuße des Balkangebirges Dimitar Blagoev. Er gilt als Vater des Bulgarischen Sozialismus und Gründer der ersten Sozialdemokratischen Partei des Balkans. Die Marmorverkleidung am Denkmalsockel bröckelt etwas, dafür ist die Säule daneben frisch sandstrahlgereinigt – mit EU-Mitteln wahrscheinlich.

Oben auf dem Gipfel sitzt schon das Ufo, flankiert von einem kommunistischen Campanile, mit rotem Stern statt Kreuz. In großzügige Schleifen haben die Erbauer eine autobahnähnliche Auffahrt um den Berg gelegt. Alle 400 Meter gibt es riesige Haltebuchten, wo ganze Horden von Bussen pausieren können, während die Passagiere an steinernen Bank-Tisch-Ensembles Würste vertilgen. Volksfeststimmung muss hier geherrscht haben, wenn ausgewählte Volksgenossen einmal jeden Sommer zum Parteigeburtstag hierher pilgern durften.

Heute parkt auf dem Plateau vor der letzten Wegbiegung ein Mercedes und ein Bully aus Schweden. Statt Kommunisten zieht es heute Architekturtouristen und Ruin-Porn-Fans aus aller Welt hierhin. Ist ja auch wunderbar, wie sich vor der Kulisse des Ufos zwei expressive Hände aus dem Stein schälen, Fackeln haltend, deren Feuer sich vom Wind getrieben zu einer einzigen Flamme eint.

Eiserne Fäuste und Fackeln vor Ufo.
Vom Winde verweht: Das eiserne Feuer der Freiheit.
Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.
Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.

Ganz oben weht ein scharfer Wind. Der Stern auf dem Campanile ist riesig und rot verglast. Muss ein guter Effekt gewesen sein, nachts am Parteigeburtstag. Heute ist die Sternmitte zerborsten und an den unteren Ecken rinnt rote Farbe den Beton entlang. Jemand schiebt einen Selfie-Stick durch die Scherben. Gelächter. Kurz nach der Wende sollen sie sogar auf den Stern geschossen haben, weil sie glaubten er sei aus echten Rubinen.

Von schräg unten sieht das Ufo noch bombastischer aus als erwartet. „Never forget your past“ steht über dem verrammelten Eingang. Das „Never“ hat ein zweiter Geschichtsdeuter nachträglich hinzugefügt. Noch schöner ist das „Enjoy Communism“ daneben – gesprayt in Coca-Cola-Type. Offensichtlich etwas länger schon kleben die gigantischen kyrillischen Buchstaben rechts und links am Sockel. Es sind Verse aus der Internationalen. Großartig, wie die Beton-Lettern da zum Teil aus ihrer Verankerung kippen! Von manchen ist nur noch ein Schatten übrig.

Enjoy Communism!
Enjoy Communism!

Über ein Loch auf der rechten Seite klettern wir ins Innere. Rostige Eisenstreben, Scherben, Schutt. Das Gerippe einer Treppe führt uns auf die Galerie. Könnte wirklich der Blick aus dem Star-Trek-Cockpit sein. Ziemlich karg und verdorrt ist es auf diesem Planeten Bulgarien. Ob hier überhaupt menschliches Leben möglich ist?

Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?
Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?

Ein metallisches Klappern liegt über der Szenerie. Als wir den großen Saal betreten, weiß ich warum. Die Dachbleche über der Kuppel sind locker. Wenn der Wind sich eines der Dinger greift, möchte ich nicht in der Nähe sein. Trotzdem muss ich immer wieder nach oben schauen, zu Hammer und Sichel, ganz in Gold und umkränzt von den Worten „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ Sie werden gehalten von einem rostigen Gerippe, durch das beruhigend Himmel und Sonne blitzen.

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!
Proletarier aller Länder vereinigt Euch!

Ich trete in die Mitte des Saals und plötzlich sind sie alle versammelt: Marx, Engels und Lenin und Blagoev mit dem tollen Bart. Die Partisanen, die Bauern, die russischen Soldaten und die Frauen mit den traktorstarken Armen. Und einer, der aussieht wie Christus auf dem Weg zum Kreuz. Eine Stelle in der Ahnengalerie jedoch ist leer. „It’s just a head“ hat jemand hingesprüht. Das muss Schiwkow gewesen sein, dem sie das Gold aus dem Gesicht gekratzt haben.

It's just a head!
It’s just a head!

Am Abend sitzen wir bei alten Freunden von Janis Familie am Abendbrottisch. Tante Dimi erzählt, wie sie Mitte der Achtziger mit ihrem Mann einmal im Ufo übernachtet hat. Überall weißer Marmor und helle Teppiche und Krim-Sekt und Berge von Essen aus dem gesamten Ostblock. Tante Dimi war überzeugte Kommunistin. Deshalb und weil sie und ihr Mann bei der Marine waren, bekam die Familie sehr bald eine Wohnung in einer Plattenbausiedlung am Rand von Varna. Mit Aufzug, Zentralheizung und fließend Warmwasser. Heute lebt Tante Dimi noch immer in der Wohnung. Der Aufzug funktioniert nur phasenweise. Die Straßen sind voller Löcher. Aber vom Balkon aus kann man über die ganze Stadt schauen und hinter der Fabrik schimmert das Meer.

Der Kommunismus und ich.
Der Kommunismus und ich.

Wirklich gute Fotos von Busludscha und anderen kommunistischen Denkmälern, die mit extraterrestrischen Lebensformen zu kommunizieren scheinen, hat der bulgarische Fotograf Nikola Mihov gemacht.

Hier eine Auswahl seiner ausgezeichneten Arbeit.

Am Grab von Georgi, dem Bären

Wo Menschen ihre Toten mit Wein begießen und ihnen Kaffeebecher ans Grab stellen, muss der Glaube ans Jenseits besonders stark sein.

Eine Bildergeschichte vom Hauptfriedhof in Burgas

Eine halbe Stunde schon sitze ich am Fuß eines Stromhäuschens auf dem Hauptfriedhof von Burgas. Die Augustsonne knallt mir senkrecht auf dem Kopf, die Luft flimmert. Ich überlege, ob Elektrosmog auf Friedhöfen ebenso tödlich ist wie auf deutschen Ackern neben der Autobahn. Der Schwarm minisküler Mücken über mir ist jedenfalls quick und lebendig. Freudig fallen sie mir in den Nacken und attackieren meine bereits distel-zerkratzen Beine.

Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe
Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe

Ein Fluch fliegt vom nahen Gräberfeld herüber. Jani kann das Grab seines Vaters und Großvaters nicht finden. Überall nur hohes Gras und Disteln. Dichtes Gebüsch und ganze Bäume sind seit seinem letzten Besuch auf Wegen und Beeten gewuchert. Und die Grabsteine sehen alle gleich aus. Einfache Betonplatten, in den Sechziger und Siebziger Jahren schräg angeschnitten, danach wieder rechtwinklig. Die Fotos der Toten sind vergilbt, die meisten kaum mehr zu erkennen.

Ich nutze die Zeit, um ein wenig Gräberkunde zu betreiben. Der Umgang eines Volkes mit seinen Toten dürfte einiges über die Werte einer Gemeinschaft verraten, über deren Vorstellungen von Leben und Tod und was auch immer danach kommen mag. Darüber kommt man sonst nicht so einfach ins Gespräch mit den Nachbarn oder den Kollegen aus dem Coworking Space.

 

Georgi, der Bär
Georgi, der Bär

Auf dem Weg in den hinteren Teil des Friedhofs waren wir bereits an einigen Kuriosa vorbei gekommen. Ein lebensgroßer Bär etwa, der sich bedrohlich über vertrocknete Osterglocken und ein paar Plastik-Nelken erhebt. Hier liegt Georgi, der Bär, erklärt die Grabinschrift. Falls Georgi Glück hatte, führt er im Jenseits jetzt tatsächlich das unbeschwerte Leben eines Bären.

Auch Grabsteine in Form von Surfbrettern, Schmetterlingen und Engelsflügeln gibt es. Reich verziert mit Fotos der Verstorbenen und Insignien ihres vergangenen Lebens: Handy, BMW Boxhandschuhe und Computer. Für Dimtscho Akkordeon, Weinglas und Fluppe. Und für DJ „Joro, das Beil“ natürlich die Turntables. Bestimmt läuft in der Himmelsdisco jetzt beilharter „Chalga“, bulgarischer Ethno-Pop aus Engelszungen.

Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes
Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes

Manche Grabsteine offenbaren auch unwahrscheinlichen Karrieren wie sie nur in Bulgarien nach der Wende möglich waren: Jantscho Patrikov etwa wurde vom Ringer zum erfolgreichen Geschäftsmann. Wie könnte er sich sonst einen Gladiolen besteckten Logenplatz am Hauptweg leisten?

Allein die Abbildung der Toten, oft im glücklichsten Moment ihres Lebens, gruselt mich. Stojan, die blondierte Mähne vom Winde verweht, das Handy in der Hand, der Mercedes im Hintergrund. Krasimir, das „Brüderchen“, beim Kitesurfen, Snowboarden, Motorradfahren und Posieren für die Kamera. Oberstleutnant Atanasov in Uniform, lässig in die Sonne blinzelnd. Und die junge Slatina mit der zweijährigen Maria auf dem Arm. Beide gestorben am selben Tag. Darunter der Spruch: „Keiner ist tot, solange es jemanden gibt, der ihn liebt“.

Vor allem die jungen Gesichter in den ersten Reihen fallen mir auf. Jungs mit dicken Muskeln und kindlichen Augen. Es sind womöglich „Mutra“ (zu deutsch „Fratze“), Mitglieder der ortsansässigen Mafia, die im Kampf für die Sache ums Leben kamen. Der Clan ehrt sie mit besonders pompösen Grabsteinen, Marmorplatten, Chromgestängen und roten Absperrkordeln wie im Museum. Je näher am Gehweg, desto mehr Ehre. Und je näher am Eingang, desto mehr und häufiger wohl auch die potenziellen Besucher.

 

Best Dad, best intellect: Dido
Best Dad, best intellect: Dido

Nie hätte ich gedacht, dass die Steinmetzkunst am äußersten Rand Europas, auf einem Friedhof am Schwarzen Meer, ihren mir unbekannten Höhepunkt erreicht. Die gemeißelten Gesichter auf den Grabsteinen wirken so lebendig, als fingen sie gleich zu sprechen an. So wie Dido, ein früh ergrauter Endvierziger. Mit in die Seiten gestützten Armen, geradezu agil präsentiert er sich auf seinem Grabstein. „Best Dad. Hands down“ steht auf seinem T-Shirt.

Die Steinmetze müssen ganze Arbeit geleistet haben, um Didos Armband-Uhr und den Ehering so zum Glänzen zu bringen. Aber wahrscheinlich ist es eher eine digital gesteuerte Maschine, die Bilder in HD und 3D-Optik in den Marmor fräst.

Unter Didos Bild eine Inschrift, die es mit einem altrömischen Epigramm aufnehmen könnte: „Wir verbeugen uns vor Deinem Intellekt, Deinen vielseitigen Interessen, großem Wissen und breiter Bildung.“ Im Angesicht eines Mannes in Motto-T-Shirt („Best Dad“) und Jägerweste eine offensichtliche Text-Bild-Schere.

Chalga auf dem Friedhof

Von hoher Kunstfertigkeit zeugen auch die grell bedruckten Glasplatten, die sich besonders auf Kindergräbern einiger Beliebtheit erfreuen. Comic-Helden, Engelchen und Schmetterlinge vor Wiesenidyll. In einem Glaskasten, ganz nah an der Erde, entdecke ich bemerkenswerte Grabbeigaben: Ein weißer Tiger und ein Affe aus Plüsch, ein Wasserfläschchen aus Plastik (geöffnet) und ein Kaffeebecher samt Löffel. Nach langem Schlaf im Schmetterlingsgrab weckt so ein Nescafé aus der Lieblingskeramik sicher schöne Erinnerungen.


Georgi, der Bär, musste sich wohl mit Wein begnügen. Wie die leeren Flaschen an frischen Erwachsenen-Gräbern zeigen, ist es in Bulgarien Tradition nach Blumen und Erde auch Wein ins Grab zu schütten. Das hilft beim Einschlafen und tilgt böse Gedanken.

Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende
Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende

Wie bei den alten Römern

Weiter hinten, wo die Wege nicht mehr so gepflegt sind, tauchen öfter auch Kommunisten-Sterne auf den Grabsteinen auf. Ließen sich die Genossen eigentlich vom Popen begraben? Oder sprach da der lokale Parteisekretär das letzte Geleit? Und was, wenn die Witwe sich nach drei Jahrzehnten, zwei Inflationen und einem Systemwechsel nur mit dem Segen der Kirche zu ihrem Mann legen will? Dann wird einfach ein Kreuz vor Grabstein gesetzt – ohne Stern.

Ein Motorrad fürs Jenseits
Ein Motorrad fürs Jenseits

Gerade im Vergleich mit den schlichten, zuweilen fast abstrakten Grabsteinen aus sozialistischer Zeit fällt heute ein übersteigerter Realismus in der Gestaltung auf. Der postsozialistische Kitsch, den ich aus Shopping-Malls und Wohnungseinrichtungen kenne, macht nicht einmal vor dem Friedhof halt. Überall Pastell, Plastikblumen, Markenlogos und dicke Uhren.

Vielleicht weil die Menschen erfahren haben, dass Ideen von heute auf morgen nichts mehr wert sein können, klammern sie sich heute so sehr an materielle Werte. Und diese bleiben ihnen sogar im Jenseits erhalten, wenn sie nur sicher in einem Glaskästchen am Grab bereit liegen. Ein heidnischer Totenkult wie bei den alten Römern. Auch ihnen galt als höchste Kunst, jede Falte der Verstorbenen möglichst detailgetreu nachzumeißeln.

Plötzlich Rufe aus dem Elektro-Smog-Gebiet. Jani hat das Grab seines Vaters gefunden. Ein wild wucherndes Nadel-Ungetüm hatte den Grabstein, ha, unter sich begraben. Ein Kommunisten-Stern ist nicht drauf. Nur die ausgeblichenen Schwarz-Weiß Fotos zweier gar nicht so alter Männer. Wir reißen trockene Wurzeln aus dem Boden und pflanzen zwei kleine Rosenbäumchen in die Wüste. Hoffentlich überleben sie wenigstens die eine Woche bis wir wieder in Sofia sind.

 

Der Lada, Orpheus und ich (II)

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf wild gewordene Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten.

Drei Tage und Nächte darf der Lada vom dem Gemeindehaus in Orpheus Geburtsdorf ausruhen. Orpheus Lieblingsplatz im Gebirge ist nur zu Fuss erreichbar und auch meine postsowjetischen Yoga-Arme brauchen ein bisschen Pause. Auf dem Weg durch den Orpheus-Sektor entdecken wir einige noch viel „authentischere“ Sowjet-Autos als unseres. Im Schnee versunkene Trabis, rostige Moskwitschs, einen LKW mit Namen „ZIL“ und einen Kleinbus mit dem noch lustigeren Namen „UAZ“ (Sowjet-tyische Abkürzung für Ulyanovsk Autofabrik, benannt nach Lenins bürgerlichem Namen). In einem entlegenen Bergdorf pflegt der letzte Bewohner seinen beigen Wartburg wie seinen Augapfel, obwohl er damit längst nicht mehr auf die Strasse darf.

Ausruhen vor dem Gemeindehaus "Bewusstsein" in Orpheus Geburtsort Gela.
Ausruhen vor dem Gemeindehaus „Bewusstsein“ in Orpheus Geburtsort Gela.

Wie stolz bin ich plötzlich Fahrerin eines im Vergleich nagelneuen Lada in Russisch-Bordeaux zu sein. Der Lada galt im Ostblock als das Eleganteste, was diesseits der Mauer produziert wurde. Seine klaren Formen erinnern an mich an den alten Volvo meines Vaters – mit viel Fantasie sehe ich sogar etwas Saab darin. Mein Lada hat schöne braune Kunstledersitze. Und dieser Choke ist ein wirklich hilfreiches Werkzeug, wenn man ihn nicht wie ich während der ganzen Fahrt anlässt.

Nach zweistündiger Wanderung erreichen wir Orpheus Lieblingsplatz, ein sonniges Hochplateau, auf dem langsam der Schnee schmilzt. Hier soll der Barde gesessen haben und besonders gern auf den gegenüberliegenden Berg geschaut haben. Der sieht aus wie eine Pyramide und habe ihn wahrscheinlich an Ägypten erinnert.

So erzählt es uns der Mann vor der orthodoxen Kapelle, die mitten auf der Rasenfläche steht. Seine Familie habe den Innenraum nach der Wende auf eigene Kosten renoviert. Der Staat kümmere sich eben um nichts. Jetzt wache jeden Tag ein Familienmitglied vor dem Eingang, um die Kirche vor Vandalismus zu schützen. Die Ikonen im Inneren sind wirklich hübsch. Es ist aber auch sehr dunkel.

Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.
Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.

Ein paar Meter weiter erinnert ein sozialistisches Denkmal an die Gefallenen aller möglichen Kriege, in die Bulgarien sich verwickelt hat. Die weißen Marmorplatten haben Risse oder fehlen ganz. Hier fühlt sich offensichtlich keine Familie verpflichtet, auf eigene Fast zu renovieren, erst recht steht keiner Wache.

Am Rande des Geländes fällt uns ein merkwürdiges Betongebilde ins Auge. Umwuchert von einem Dornbusch sollte es wohl ein Klohäuschen mit zwei Kabinen werden. Dahinter geht es sanft den Abhang runter. Ist das hier vielleicht der Eingang in die Unterwelt? Und nicht diese Höhle mit dem plakativen und ganz und gar unglaubwürdigen Namen „Teufelsrachen“?

Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.
Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.

Es ist doch höchst unwahrscheinlich, dass Orpheus einen so touristischen Ort wie eine Tropfsteinhöhle passieren musste, um seine Eurydike zu finden. Nein, der wahre Eingang in die Unterwelt muss unscheinbar sein. Hades will doch sicher vermeiden, dass jeder Orpheus seine Eurydike findet. Die sollen ruhig weiter in irgendwelchen Tropfsteinhöhlen suchen.

Der Hüter der Kapelle erzählt, dass sich jedes Jahr im August knapp 2.000 Menschen auf dieser Anhöhe versammeln, um ganz im Sinne Orpheus das „Internationale Dudelsack Festival“ zu begehen. Toll! Schneeweisse bulgarische Dudelsäcke treffen Dudelsäcke mit brauner Haut und in Schottenrock. Sie entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten und dudeln über Sprachgrenzen hinweg nationale Volkslieder. Vielleicht hat Diana Ross sogar hier ihre „Mysterious Bulgarian singers“ gefunden. Dudelsackveteranen aus aller Welt sitzen im Abendlicht beisammen und schauen auf Orpheus Pyramidenberg. Sie essen Köfte und grillen ganze Lämmer. Währenddessen vergleichen sie die Promillerekorde ihrer landestypischen Schnäpse. Schottischer Whiskey vs. bulgarischen Rhakia. Der Rhakia gewinnt natürlich immer. Ab und zu verschwindet einer in der Kloruine. Die anderen sind so vertieft in die Völkerverständigung, dass sie gar nicht merken, dass ihr Kamerad nie wieder auftaucht.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem scheinbar verlassenen Hof vorbei. Vier entfesselte Hunde schlagen an. Der eine ist so alt, dass er nur noch heiser röcheln kann. Das aber aus voller Kehle. Ein kleinerer rast wie wild am maroden Holzzaun entlang. Zehn Meter weiter fletscht ein schwarzer Rottweiler seine Zähne. Gleich springt der Holzpflock, an dem seine Kette angebunden ist, aus dem Boden. Uns schauert. Wird das Reich des Hades nicht auch von einem gewaltigen Hund bewacht? Plötzlich ist klar: Das Hochplateau mit dem Kriegerdenkmal und den Dudelsackklos. Das war schon die Unterwelt. Wir haben nur den Hintereingang genommen.

 

Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.
Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.

 

 

 

 

 

 

 

 

PS: Bei nachträglichen Recherchen stelle ich fest, dass das „Internationale“ Dudelsackfestival gar nicht so völkerverständigend ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Eigentlich handelt es um einen nationalen „Wettstreit“ der besten bulgarischen Dudelsackbläser und Volkstanzgruppen. Orpheus Lieblingsplatz wird zu einem gigantischen Zeltplatz, es werden bulgarische Fahnen geschwungen, Jung und Alt tragen Tracht und tanzen stundenlang im Kreis. Köfte und Rakia gibt es natürlich trotzdem.

Das Ganze wird live im staatlichen Fernsehen übertragen. Hier ein kleiner Ausschnitt.

 

Der Lada, Orpheus und ich (I)

Wie wir einmal Orpheus besuchten, mit dem Lada im Schnee stecken blieben und mir klar wurde, warum sowjetische Frauen auf den Plakaten immer so starke Arme haben.

Über Ostern wollen wir Orpheus besuchen. Es erscheint uns folgerichtig in den Tagen nach Christi Kreuzigung einen Blick in das Reich des Hades zu werfen. Der Eingang dahin liegt nahe der griechischen Grenze in den Westrhodopen, 17 km vom göttlichen „Devin“ entfernt. Durch eine Tropfsteinhöhle mit dem wenig subtilen Namen „Rachen des Teufels“ soll Orpheus seiner Eurydike in die Unterwelt gefolgt sein. Wir hoffen auf Herberge in einem der vier Dörfer, die für sich in Anspruch nehmen Orpheus Geburtsort zu sein. Dort gibt es ein in Sofia gepriesenes Hotel mit „Spa“. Ausserdem kann man schön wandern und in den Tavernen gibt es Milchlamm mit selbstgebranntem Schnaps.

Für den Ritt dorthin leiht uns Rumen, der Vater einer Freundin, sein Drittauto – einen bordeauxroten Lada, den er kurz nach der Wende vor der Schrottpresse bewahrt hat. „Das wird die authentischste Bulgarienreise, die Ihr je unternommen habt“, sagt er. Er wird Recht behalten!

Am orthodoxen Gründonnerstag stehen wir also mit Sack und Pack im Garten eines renovierungsbedürftigen Hauses am Rande des Zentrums. Zur Überraschung unseres väterlichen Freundes springt der Lada gleich an. Mir schwant nichts Gutes. Während Rumen uns das Haus zeigt, die Vorschritte der Bauarbeiten überprüft und mit der Haushälterin scherzt, röhrt im Garten der Lada. Der Choke (ein Wort, das ich aus meiner Kindheit und von der ersten Karre meines Cousins kenne) ist gezogen und der Garten bald eine spektakuläre Kohlenmonoxid-Hölle. Mein deutsches Öko-Herz steht kurz vor dem Infarkt.

Zwanzig Minuten später würde ich alles geben, dieses wohlige Kohlenmonoxid-Röhren auf irgendeine Weise wieder erzeugen zu können. Auf der Suche nach der Ausfallstraße nach Süden hatte ich den Fehler gemacht, an einem Zebrastreifen zu halten. Wildes Hupen, obszöne Gesten, und verständnisloses Kopfschütteln beim Überholen der „wahnsinnigen Idiotin!“. Bereit mich in den „Rachen des Teufels“ zu werfen und nie mehr aus der Unterwelt hervorzulugen, würge ich den Motor ab.

Die erste Station auf dem Weg in die Unterwelt liegt also an einem Zebrastreifen auf dem Patriarch Evtimiy Boulevard, fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Unser väterlicher Freund verspricht Rettung, ist selbst jedoch schon wieder mit „business“ beschäftigt.

Stattdessen taucht wie aus dem Nichts ein Mann mit Sowjetbrille und Lidl-Tüte auf. Wissend und mitleidig schaut er in den Motorraum unseres Ladas. Ja, ja! Kenn ich! Been there! Die beiden Bulgaren, Jani und die Sowjetbrille, treiben ein wenig Konversation. Auf Deutsch. Sobald ich dazu komme, wechseln sie ins Englische. Vielleicht sollten wir Arabisch sprechen, wenn ein Brite hinzutritt? Oder Altgriechisch, falls ein Römer auftaucht? Das entspräche immerhin dem mythologischen Anlass unserer Reise.

Nach zwanzig Minuten absurdem Sprachwettbewerb auf dem Bürgersteig kommt endlich Rumen, unser Freund und Erlöser! Er bedankt sich bei seinem alten Freund, der Sowjetbrille, für die angemessene Unterhaltung der ausländischen Gäste in seiner Abwesenheit. Einmal Choke ziehen, Schlüssel umdrehen und der Lada läuft wieder. Vielsprachiges Lachen von allen Seiten.

Das muss es wohl sein. Dieses Gemeinschaftsgefühl des bulgarischen Sozialismus, das sich auch heute noch im gemeinschaftlichen Warten und Leiden einstellt. Nichts funktioniert, wir können nichts dran ändern, aber wir haben trotzdem Spass zusammen.

 

Oh, Orpheus, oh hilf!

Ein unendlicher Spaß wird auch die darauf folgende Fahrt auf Autobahn und Landstrasse. Die einzigen Fahrzeuge, die wir überholen, sind Pferdekarren. So kommt es mir jedenfalls vor. Nicht, dass es davon tatsächlich noch viele gäbe auf Bulgariens Strassen, aber sie scheinen fast häufiger zu vorzukommen als alte Sowjet-Autos. Wer in Sofia etwas auf sich hält, fährt SUV oder zumindest Opel. Die anderen Ladas sind jedenfalls deutlich zerbeulter als unserer, der seit der Wende die meiste Zeit in der Garage stand. Ganze Familien hocken da drin, zwischen Taschen und Koffern und Melonen auf der Hutablage. Wenn ich aus Spaß mal Gas gebe und beim Vorbeifahren solidarisch winke, schauen mich Bauerngesichter verständnislos an.

In Kreisverkehren und bei Wendemanövern auf offener Landstrasse wird mir klar, warum sowjetische Frauen auf den Propaganda-Plakaten immer so starke Arme haben: Nach einem langen Tag auf dem Traktor, mussten sie (wenn sie gute Verbindungen hatten) noch mit dem Lada nach Hause kurven – und zwar OHNE Servolenkung. Meine postsowjetischen Yoga-Arme können da nicht mithalten.

Wohlwollend tanken wir unser Gefährt bei der nächsten Gelegenheit erstmal voll. Dabei hatte Rumen uns geraten, immer nur für zwanzig Leva (zehn Euro) zu tanken. Fünfzig Kilometer später, verstehen wir warum: Der Tankstopfen ist nur Dekoration und das schöne Bleifrei schwappt bei jeder Kurve aus dem Tank. Auf dem Weg in die Unterwelt haben wir also eine verräterische Benzinspur hinterlassen. Ein Ariadne-Faden, der bei schlechtem Omen leicht Feuer fangen könnte.

Kein Weg nirgends.
Kein Weg nirgends.

Aber es wartet eine noch viel schwierigere Prüfung auf uns. Je näher wir Orpheus und dem westrhodopischen Skigebiet kommen, desto mehr entwickeln sich die fröhlichen, weissen Flocken zu einem verdammten Schneesturm. Wie schön, dass das Isolierband, das den linken Scheibenwischer am winkenden Metallarm festhält, tatsächlich wasserfest ist! Die Schneedecke wird dichter, die SUVs legen schon Schneeketten an. Aber wir haben ja zum Glück solide Sommerreifen.

In den Kurven gibt es jetzt ein lustiges Rutschen, denn unter dem Schnee versteckt sich nun auch noch gemeines, bulgarisches Eis. Irgendwann wird es dem Lada zu viel. Mit durchdrehenden Reifen rutschen wir rückwärts, geradewegs auf den ungesicherten Abgrund zu. Oh, Orpheus, oh hilf! Jani springt aus dem Wagen und stoppt ihn in letzter Minute. „Gas, Baby, Gas.“ Während der Mann schiebt, blase ich ihm eine formschöne, wärmende Kohlenmonoxid-Blase ins Gesicht. Der Lada ächzt und wir noch mehr. Aber wir schaffen es. Orpheus sei Dank.

 

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten, lesen Sie im zweiten Teil dieser Geschichte.