Gute Geschichten braucht das Management

Storytelling als Kommunikationsstrategie habe ich während meiner Ausflüge in die EZB und die „freie“ Wirtschaft getestet. Wie schön, dass ich jetzt in meinem alten Medium darüber schreiben kann.

Gut dreißig Minuten hat Daimler-Chef Dieter Zetsche den Aktionären geboten, was von einer Hauptversammlung im Berliner ICC zu erwarten war. Zahlen und Fakten, vorgetragen in formvollendeter Monotonie. Doch dann greift Zetsche an sein Herz und zieht einen Brief aus der Brusttasche, den er in voller Länge vorliest. Ein Kunde dankt dem Vorstandsvorsitzenden, weil er und seine Frau einen Unfall nur Dank des neuen CLA unbeschadet überlebt haben. Geraune und spontaner Applaus der Aktionäre.

Fein beobachtet und amüsant nacherzählt macht Philipp Schönthaler diese Szene zum Nukleus seines Langessays über die neuste Geheimwaffe internationaler Großkonzerne: Storytelling als Managementmethode. So wie der Daimler-Chef mit dem Requisit des Dankesbriefs die Bühne der Rhetorik, des Theaters und der Fiktion betritt, setzen Firmen und Organisationen weltweit Stories ein, um sich allzu menschlich, gar mitfühlend zu präsentieren. Als trojanisches Pferd für Zahlen und Fakten, das die Unternehmensvision in die Köpfe und Herzen von Mitarbeitern und Kunden schleusen soll. Heute traut Steve Clayton, Chief Storyteller bei Microsoft, seiner Abteilung mit 25 Mitarbeitern sogar zu, den Kurs des Weltkonzerns lenken zu können.

Gerade heute, im Zeitalter von Digitalisierung und Big Data, dessen Grad an Komplexität selbst Baudrillard kaum erahnen konnte, scheint die vorgeblich antiquierte Kulturtechnik des Erzählens allen Statistiken überlegen. Wo die Kategorie Sinn vollends in die „Cloud“ entrückt ist, kann die analoge Kultur mitsamt ihrem schon von Walter Benjamin überholt geglaubten mündlichen Erzähler einen überraschenden Triumph feiern. Unter Berufung auf psychologische Studien und den „narrative turn“ in den Kultur- und Sozialwissenschaften behaupten Managerberater gar, es liege in der menschlichen DNA, sich am Lagerfeuer Geschichten zu erzählen, um die Furcht zu vertreiben und Gemeinschaftssinn zu stiften. Der Mensch als „natural born storyteller“ und geschichtenerzählendes Tier, wie Schönthaler schreibt.

Der Autor kennt sich aus mit dem Großkonzern-Sprech und der verschwiegenen Kaste der Manager. Literarisch hat er schon in seinem Erzählungsband „Nach oben ist das Leben offen“ und dem Roman „Das Schiff, das singend zieht auf seiner Bahn“ Kapital daraus geschlagen. Nun geht Schönthaler den Berührungspunkten von Literatur und Geschäft als geisteswissenschaftlich geschulter Essayist auf den Grund.

Kuriose Anekdoten, rasante Ausflüge in die Wirtschaftsgeschichte und Literaturtheorie, Exkurse über das doppelbödige Storytelling von Schriftstellern zu Selbstvermarktungszwecken, das Thomas Mann ebenso perfekt beherrschte wie die Popliteraten, vor allem aber Schönthalers eleganter Stil machen den Band zu einer anregenden Lektüre. Nüchtern beschreibt Schönthaler die Arbeitsweise des Managers als das Herauslösen von „skills“ und Wissensbrocken aus fachfremden Bereichen bei gleichzeitigem Verschweigen der Quellen. So ist auch die „Geheimwaffe“ Storytelling natürlich der antiken Rhetorik entlehnt, die „narratio“ freilich nur als ein Element von vielen nennt.

Aufschlussreich sind auch die Passagen über die Brutstätte des Storytellings, die Creative Writing-Workshops in den USA, wo Schriftsteller wie Raymond Carver, William Gaddis, Sylvia Plath und Thomas Pynchon bis hin zu Philip Roth und David Foster Wallace ihr Handwerk lernten. Dass die Schreibwerkstätten ihre Blüte auch der Unterstützung durch den US-Geheimdienst während des Kalten Krieges verdanken, legt nahe, dass die dort gelehrte Ästhetik keineswegs so zeitlos und allgemeingültig ist, wie angenommen. Die in bekannten Lehrsätzen wie „show don’t tell“ enthaltene Bevorzugung des „Welthaltigen“ vor der Theorie, des Individuums vor dem Kollektiv und der Freiheit vor der politischen Doktrin offenbart Schönthaler als Übersetzung des amerikanischen Liberalismus in eine konkrete Poetologie. Kein Wunder, dass Marketingchefs und CEOs heute so gern darauf zurückgreifen.

In Deutschland ist die Skepsis gegenüber Schreibschulen trotz einiger nicht zu leugnender Erfolge ungebrochen. Kurz bevor Schreib-bots das serielle Erzählen und den Journalismus übernehmen, steht die Statue des Künstlergenies noch immer fest verankert in alteuropäischem Boden – wenn auch bröckelnd. Während sich die „offizielle“ Literatur gerade im deutschsprachigem Raum in tröstende Nostalgie und Realismus zurückziehe, seien digitale Medienunternehmen, hippe Architekturbüros und Konzerne wie Coca-Cola die neue Avantgarde des Erzählens geworden, schreibt Schönthaler. Damit die Literatur nicht weiter an Relevanz verliere, müsse sie ihre Komfortzone verlassen – um eine beliebte Phrase des Storytellings aufzuwärmen – und sich der Wirtschaft öffnen. Ein Genie und Visionär wie James Joyce, der radikal die Kampfzone der Literatur ausweitete, würde heute bei Google arbeiten.

Es stimmt, dass „Content-Marketing“-Strategen das Web 2.0 längst für neue, serielle, mehrschichtige und interaktive Erzählstrategien nutzen. Firmen und Organisationen inszenieren sich dabei als „neutrale“ Plattformen, auf denen „Inhalte“ (bestenfalls Stories) von Mitarbeitern und Kunden nicht nur verbreitet, sondern auch weitergesponnen werden. Trotzdem stellt sich doch die Frage nach dem literarischen Wert dieser „Inhalte“. Ein Dieter Zetsche ist eben noch lange kein James Joyce.

Auch wenn Schönthaler den Unterschied zwischen zweckgebundenem Storytelling und freier Literatur herausarbeitet, die eigentlichen Motive der Konzern-Erzähler, ihre Maßstäbe und Strategien und die Einbettung des Phänomens in einen globalen, kapitalistischen Zusammenhang analysiert er nicht. Dabei ist das letztlich der Knackpunkt. Was es für Folgen hat, wenn das Erzählen, Denken und Diskutieren vorwiegend auf der Medienplattform eines „neutralen“ Konzerns stattfindet, hat jüngst der US-Wahlkampf gezeigt.

SARAH ELSING

Philipp Schönthaler: „Porträt des Managers als junger Autor. Zum Verhältnis von Wirtschaft und Literatur. Eine Handreichung.“ Matthes & Seitz, Berlin,168 Seiten, 15 Euro

Dieser Text erschein erstmals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 18. Januar 2017.

„There is a crack in everything, that’s how the light gets in.“

Ein Jahr nach den Terroranschlägen in Paris versuchen drei junge Historiker die teils persönlichen Ereignisse zu bannen, einzuordnen und Schlüsse für ein Weiterleben nach „Bataclan“ zu finden. Ein mutiger Appell an die Werte der französischen Revolution.

„Alles in Ordnung. Wir waren in der Decke versteckt.“ Als Anne-Clémentine Larroque einen Tag nach dem Terror im Theater „Bataclan“ diese SMS bekommt, glaubt sie zunächst an einen Scherz. Ihr Studienfreund Charles ist ein großer Ironiker, dessen Lust am schnellen Witz oft die Grenzen von Pietät und political correctness überschreitet. „Umso besser. Du bist ein Krieger“, schreibt sie zurück und wendet sich wieder den Live-Berichten im Fernsehen zu.

Als Terrorexpertin, die an der renommierten Politikhochschule Sciences Po Geopolitik lehrt und selbst über Islamismus forscht, versteht Larroque den Anschlag auf das „Bataclan“ und die tödlichen Schüsse auf die Caféterrassen im Ausgehviertel Oberkampf zunächst als Ereignisse der Zeitgeschichte. Sicher, diesmal erschreckend nah an ihrer eigenen Lebenswelt. Doch mit dem Terror ist es ähnlich wie mit tödlichen Krankheiten, Autounfällen oder einem Jackpot im Lotto. Wider besseres Wissen glaubt jeder, man selbst sei nie betroffen. Das gilt sogar für Terrorforscher wie Larroque, die den Schrecken in akademischen Analysen abstrakt und damit fern von ihrer eigenen Person halten. Erst viel später begreift die Wissenschaftlerin: Charles, einer ihrer besten Freunde, war tatsächlich die ganze Nacht im „Bataclan“ gefangen. Nur mit Glück hat er überlebt.

Charles Nadaud – Geschichtslehrer, der seinen Schülern Islamismus und Toleranz mit Charlie Hebdo Comics erklärte, während 200 Meter von der Wohnung seiner Eltern die Urheber dieser Zeichnungen erschossen wurden. Nun liegt er eingezwängt in einem Hohlraum unter dem Dach des „Bataclan“ und kann selbst kaum glauben, was ihm widerfährt. Während die Terroristen unter ihm ein Blutbad anrichten, rezitiert er oben ACDC-Lyrics, schickt Textnachrichten an seinen halben Freundeskreis, scherzt über sein letztes Abendmahl im Schnellrestaurant Quick und warnt seine Leidensgenossen davor, in die Rohre der Klimaanlage zu kriechen – er wolle nicht durch die Decke ins Inferno stürzen und dann wie Bruce Willis in „Stirb langsam“ alle wieder da rausholen müssen.

Sicher, das sind Übersprungshandlungen, um die Angst nicht zu spüren, die viele um ihn herum vollkommen lähmt. In vielen intensiven Sitzungen mit einer Traumatherapeutin hat Nadaud später sein abgeklärtes Verhalten in dieser Nacht analysiert. Denn der Schock kam natürlich – verzögert, aber mit Gewalt. Nadauds Umgang mit dieser Extremsituation ist aber auch deshalb aufschlussreich, weil er zeigt, was passieren kann, wenn sich ein junger, gewitzter Geschichtslehrer plötzlich live in der Geschichte wiederfindet.

Die Bilder, die die Überlebenden erwarten, als sie nach der Stürmung durch den Konzertsaal gehen, um ins Freie zu gelangen, sind mit nichts zu vergleichen, was sie in ihrem eigenen Leben gesehen haben. Charles Naudad fühlt sich an Fotografien der Shoah erinnert, sieht sich selbst durch die Massengräber des zweiten Weltkriegs schreiten. Tote Körper, Blutlachen, unbestimmbare Haufen wahrscheinlich menschlichen Materials. Rimbauds Gedicht „Schläfer im Tal“ kommt ihm in den Sinn. Dieser junge Soldat, der nach der Schlacht von Sedan friedlich im Gras zu schlummern scheint. Aber er ist tot, erschossen, hat „zwei rote Löcher“ im Leib.

Wie lebt man weiter mit solchen Bildern im Kopf? Wie legt man sich nach so einer Nacht zu seiner Frau ins Bett? Erklärt seinen Kindern, warum Papa erstmal nicht mehr arbeiten geht?

Charles Nadaud besann sich auf das, was auch im „Bataclan“ geholfen hat: seine Freunde aktivieren und Geist und Bildung nutzen, um die Sache erträglich zu machen. So ist „Sortir du Bataclan“ entstanden – ein dreiteiliges Manifest für das Weiterleben nach dem Terror.

Das Buch beginnt mit einem Gespräch Nadauds mit seinem Freund Jean-Baptiste Guégan, selbst Geschichtslehrer und Journalist. Ganz im Sinne der „oral history“ ist jedes Detail wichtig: der genaue Ablauf des Anschlags, Naudads Gedanken und Gefühle, das Verhalten der Rettungskräfte, die Zeugenbefragungen, die Wochen und Monate danach. Das macht es für den Leser manchmal etwas mühsam, ist aber neben der befreienden Wirkung für den Betroffenen auch mit Blick auf künftige Forscher, die sich nicht nur auf Polizeiprotokolle und Zeitungsberichte verlassen wollen, die richtige Herangehensweise.

Im zweiten Teil setzt die Islamismusexpertin Anne-Clémentine Larroque – jetzt wieder ganz in ihrem Element – die Pariser Terrornacht in einen größeren geopolitischen Kontext. Sie erinnert an die erste islamistische Terrorwelle in Frankreich Mitte der Neunziger Jahre und analysiert wie das Land seit den Anschlägen auf Charlie Hebdo zu einem Hauptziel des internationalen Terrors wurde. Sorgsam pflückt sie die Begriffe Islam, Islamismus und Djihadismus auseinander, schaut auf deren Ursprünge im Nahen und Mittleren Osten und sucht Gründe für die Radikalisierung junger Muslime, die in Europa geboren und aufgewachsen sind.

Bemerkenswert ist jedoch vor allem der dritte Teil des Buchs, in dem Jean-Baptiste Guégan und Charles Nadaud wieder in Form eines Interviews reflektieren, was „Bataclan“ für Frankreich und die westliche Welt bedeutet. Anders als viele, die angesichts des Terrors reflexhaft nach rechts schauen, „mehr Abgrenzung“ oder gar „Krieg“ schreien wie der französische Präsident Francois Hollande, verstehen die jungen Historiker die Anschläge als Anlass, sich auf die Werte der französischen Revolution zurückzubesinnen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Sie negieren dabei nicht, dass sich die Realität dieser Parole in den Banlieus anders anfühlt, als in den Pariser Innenstadtbezirken, in denen sie selbst sich bewegen. Es ist nicht verwunderlich, dass die Opfer von „Bataclan“ und Oberkampf alle einen ähnlichen soziokulturellen Hintergrund haben: Jung, weiß, akademisch gebildet, tendenziell politisch links. „Fand im Bataclan ein Treffen für Geschichts- und Geografielehrer statt, oder was?“, fragt der Kommissar, der am Folgetag Nadauds Zeugenaussage aufnimmt.

Die Autoren sind nicht naiv. „Die französische Gesellschaft wird sich an die Omnipräsenz von bewaffneten Sicherheitskräften und Soldaten vor sensiblen Zielen gewöhnen müssen. So wie Israel das seit den 1960er Jahren kennt“, sagt Guégan. Unter Aufbietung all ihres Wissens diskutieren Nadaud und Guégan die geopolitischen und historischen Zusammenhänge, in denen Frankreich sich bewegt, die mangelnde Integration von Muslimen, die Trennung von Staat und Kirche, den Zulauf zu rechten Parteien, die Rolle der Medien, die Auswirkungen des Ganzen auf die Diplomatie. Das sind kluge und differenzierte Analysen mit aufklärerischem, teils pädagogischem Anspruch.

Aber im Grunde geht es den Mittdreißigern darum, Frankreich „von Bataclan zu befreien“. Den Schockzustand, in dem sich nicht nur die Überlebenden und ihre Angehörigen, sondern die ganze Gesellschaft befindet, zu überwinden. So wie Charles Nadaud es mit diesem Buch getan hat.

Seinem Augenzeugenbericht ist ein Zitat von Leonard Cohen vorangestellt: „There is a crack in everything, that’s how the light gets in.“ Oben, im Versteck unter dem Dach des „Bataclan“, waren die Schusslöcher in der Decke tatsächlich die einzige Lichtquelle. Sie waren geradezu hilfreich, sich zu orientieren und nicht komplett den Verstand zu verlieren. Nur wer sich aus der Angst heraus bewegt, kann das so sehen. Und wieder mit kühlem Kopf handeln.

Die Stärke, einen Riss in der behüteten Lebenswelt als Quelle des Lichts zu verstehen, derart schreckliche Erlebnisse in einen Appell für eine offene, freiheitliche Gesellschaft zu verwandeln, lässt niemanden kalt. Wie lohnend wäre die Lektüre dieses Buchs für all die verunsicherten AfD-Sympathisanten in Deutschland.

Ein Jahr nach „Bataclan“ wohnt Charles Nadaud mit seiner Familie in Saint Denis. Nur ein paar Straßen entfernt von dem Haus, in dem sich die Drahtzieher der Anschläge noch Monate danach versteckten. Es geht ihm gut.

Charles Nadaud, Anne-Clémentine Larroque, Jean-Baptiste Guégan: Sortir du Bataclan. Récit & analyses. Mit einem Vorwort von Fethi Benslama. Editions Bréal, 250 Seiten, 11,90 Euro.

 

Eine ähnliche Version dieses Textes erschien am 15. November 2016 im Feuilleton der F.A.Z.