Mai
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Der Lada, Orpheus und ich (I)

veröffentlicht am Mai 20th 2015 in Absurdistan & Am Wegesrand mit 0 Comments

Wie wir einmal Orpheus besuchten, mit dem Lada im Schnee stecken blieben und mir klar wurde, warum sowjetische Frauen auf den Plakaten immer so starke Arme haben.

Über Ostern wollen wir Orpheus besuchen. Es erscheint uns folgerichtig in den Tagen nach Christi Kreuzigung einen Blick in das Reich des Hades zu werfen. Der Eingang dahin liegt nahe der griechischen Grenze in den Westrhodopen, 17 km vom göttlichen „Devin“ entfernt. Durch eine Tropfsteinhöhle mit dem wenig subtilen Namen „Rachen des Teufels“ soll Orpheus seiner Eurydike in die Unterwelt gefolgt sein. Wir hoffen auf Herberge in einem der vier Dörfer, die für sich in Anspruch nehmen Orpheus Geburtsort zu sein. Dort gibt es ein in Sofia gepriesenes Hotel mit „Spa“. Ausserdem kann man schön wandern und in den Tavernen gibt es Milchlamm mit selbstgebranntem Schnaps.

Für den Ritt dorthin leiht uns Rumen, der Vater einer Freundin, sein Drittauto – einen bordeauxroten Lada, den er kurz nach der Wende vor der Schrottpresse bewahrt hat. „Das wird die authentischste Bulgarienreise, die Ihr je unternommen habt“, sagt er. Er wird Recht behalten!

Am orthodoxen Gründonnerstag stehen wir also mit Sack und Pack im Garten eines renovierungsbedürftigen Hauses am Rande des Zentrums. Zur Überraschung unseres väterlichen Freundes springt der Lada gleich an. Mir schwant nichts Gutes. Während Rumen uns das Haus zeigt, die Vorschritte der Bauarbeiten überprüft und mit der Haushälterin scherzt, röhrt im Garten der Lada. Der Choke (ein Wort, das ich aus meiner Kindheit und von der ersten Karre meines Cousins kenne) ist gezogen und der Garten bald eine spektakuläre Kohlenmonoxid-Hölle. Mein deutsches Öko-Herz steht kurz vor dem Infarkt.

Zwanzig Minuten später würde ich alles geben, dieses wohlige Kohlenmonoxid-Röhren auf irgendeine Weise wieder erzeugen zu können. Auf der Suche nach der Ausfallstraße nach Süden hatte ich den Fehler gemacht, an einem Zebrastreifen zu halten. Wildes Hupen, obszöne Gesten, und verständnisloses Kopfschütteln beim Überholen der „wahnsinnigen Idiotin!“. Bereit mich in den „Rachen des Teufels“ zu werfen und nie mehr aus der Unterwelt hervorzulugen, würge ich den Motor ab.

Die erste Station auf dem Weg in die Unterwelt liegt also an einem Zebrastreifen auf dem Patriarch Evtimiy Boulevard, fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Unser väterlicher Freund verspricht Rettung, ist selbst jedoch schon wieder mit „business“ beschäftigt.

Stattdessen taucht wie aus dem Nichts ein Mann mit Sowjetbrille und Lidl-Tüte auf. Wissend und mitleidig schaut er in den Motorraum unseres Ladas. Ja, ja! Kenn ich! Been there! Die beiden Bulgaren, Jani und die Sowjetbrille, treiben ein wenig Konversation. Auf Deutsch. Sobald ich dazu komme, wechseln sie ins Englische. Vielleicht sollten wir Arabisch sprechen, wenn ein Brite hinzutritt? Oder Altgriechisch, falls ein Römer auftaucht? Das entspräche immerhin dem mythologischen Anlass unserer Reise.

Nach zwanzig Minuten absurdem Sprachwettbewerb auf dem Bürgersteig kommt endlich Rumen, unser Freund und Erlöser! Er bedankt sich bei seinem alten Freund, der Sowjetbrille, für die angemessene Unterhaltung der ausländischen Gäste in seiner Abwesenheit. Einmal Choke ziehen, Schlüssel umdrehen und der Lada läuft wieder. Vielsprachiges Lachen von allen Seiten.

Das muss es wohl sein. Dieses Gemeinschaftsgefühl des bulgarischen Sozialismus, das sich auch heute noch im gemeinschaftlichen Warten und Leiden einstellt. Nichts funktioniert, wir können nichts dran ändern, aber wir haben trotzdem Spass zusammen.

 

Oh, Orpheus, oh hilf!

Ein unendlicher Spaß wird auch die darauf folgende Fahrt auf Autobahn und Landstrasse. Die einzigen Fahrzeuge, die wir überholen, sind Pferdekarren. So kommt es mir jedenfalls vor. Nicht, dass es davon tatsächlich noch viele gäbe auf Bulgariens Strassen, aber sie scheinen fast häufiger zu vorzukommen als alte Sowjet-Autos. Wer in Sofia etwas auf sich hält, fährt SUV oder zumindest Opel. Die anderen Ladas sind jedenfalls deutlich zerbeulter als unserer, der seit der Wende die meiste Zeit in der Garage stand. Ganze Familien hocken da drin, zwischen Taschen und Koffern und Melonen auf der Hutablage. Wenn ich aus Spaß mal Gas gebe und beim Vorbeifahren solidarisch winke, schauen mich Bauerngesichter verständnislos an.

In Kreisverkehren und bei Wendemanövern auf offener Landstrasse wird mir klar, warum sowjetische Frauen auf den Propaganda-Plakaten immer so starke Arme haben: Nach einem langen Tag auf dem Traktor, mussten sie (wenn sie gute Verbindungen hatten) noch mit dem Lada nach Hause kurven – und zwar OHNE Servolenkung. Meine postsowjetischen Yoga-Arme können da nicht mithalten.

Wohlwollend tanken wir unser Gefährt bei der nächsten Gelegenheit erstmal voll. Dabei hatte Rumen uns geraten, immer nur für zwanzig Leva (zehn Euro) zu tanken. Fünfzig Kilometer später, verstehen wir warum: Der Tankstopfen ist nur Dekoration und das schöne Bleifrei schwappt bei jeder Kurve aus dem Tank. Auf dem Weg in die Unterwelt haben wir also eine verräterische Benzinspur hinterlassen. Ein Ariadne-Faden, der bei schlechtem Omen leicht Feuer fangen könnte.

Kein Weg nirgends.

Kein Weg nirgends.

Aber es wartet eine noch viel schwierigere Prüfung auf uns. Je näher wir Orpheus und dem westrhodopischen Skigebiet kommen, desto mehr entwickeln sich die fröhlichen, weissen Flocken zu einem verdammten Schneesturm. Wie schön, dass das Isolierband, das den linken Scheibenwischer am winkenden Metallarm festhält, tatsächlich wasserfest ist! Die Schneedecke wird dichter, die SUVs legen schon Schneeketten an. Aber wir haben ja zum Glück solide Sommerreifen.

In den Kurven gibt es jetzt ein lustiges Rutschen, denn unter dem Schnee versteckt sich nun auch noch gemeines, bulgarisches Eis. Irgendwann wird es dem Lada zu viel. Mit durchdrehenden Reifen rutschen wir rückwärts, geradewegs auf den ungesicherten Abgrund zu. Oh, Orpheus, oh hilf! Jani springt aus dem Wagen und stoppt ihn in letzter Minute. „Gas, Baby, Gas.“ Während der Mann schiebt, blase ich ihm eine formschöne, wärmende Kohlenmonoxid-Blase ins Gesicht. Der Lada ächzt und wir noch mehr. Aber wir schaffen es. Orpheus sei Dank.

 

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten, lesen Sie im zweiten Teil dieser Geschichte.

 

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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