Mai
30

Der Lada, Orpheus und ich (II)

veröffentlicht am Mai 30th 2015 in Absurdistan & Am Wegesrand mit 0 Comments

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf wild gewordene Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten.

Drei Tage und Nächte darf der Lada vom dem Gemeindehaus in Orpheus Geburtsdorf ausruhen. Orpheus Lieblingsplatz im Gebirge ist nur zu Fuss erreichbar und auch meine postsowjetischen Yoga-Arme brauchen ein bisschen Pause. Auf dem Weg durch den Orpheus-Sektor entdecken wir einige noch viel „authentischere“ Sowjet-Autos als unseres. Im Schnee versunkene Trabis, rostige Moskwitschs, einen LKW mit Namen „ZIL“ und einen Kleinbus mit dem noch lustigeren Namen „UAZ“ (Sowjet-tyische Abkürzung für Ulyanovsk Autofabrik, benannt nach Lenins bürgerlichem Namen). In einem entlegenen Bergdorf pflegt der letzte Bewohner seinen beigen Wartburg wie seinen Augapfel, obwohl er damit längst nicht mehr auf die Strasse darf.

Ausruhen vor dem Gemeindehaus "Bewusstsein" in Orpheus Geburtsort Gela.

Ausruhen vor dem Gemeindehaus „Bewusstsein“ in Orpheus Geburtsort Gela.

Wie stolz bin ich plötzlich Fahrerin eines im Vergleich nagelneuen Lada in Russisch-Bordeaux zu sein. Der Lada galt im Ostblock als das Eleganteste, was diesseits der Mauer produziert wurde. Seine klaren Formen erinnern an mich an den alten Volvo meines Vaters – mit viel Fantasie sehe ich sogar etwas Saab darin. Mein Lada hat schöne braune Kunstledersitze. Und dieser Choke ist ein wirklich hilfreiches Werkzeug, wenn man ihn nicht wie ich während der ganzen Fahrt anlässt.

Nach zweistündiger Wanderung erreichen wir Orpheus Lieblingsplatz, ein sonniges Hochplateau, auf dem langsam der Schnee schmilzt. Hier soll der Barde gesessen haben und besonders gern auf den gegenüberliegenden Berg geschaut haben. Der sieht aus wie eine Pyramide und habe ihn wahrscheinlich an Ägypten erinnert.

So erzählt es uns der Mann vor der orthodoxen Kapelle, die mitten auf der Rasenfläche steht. Seine Familie habe den Innenraum nach der Wende auf eigene Kosten renoviert. Der Staat kümmere sich eben um nichts. Jetzt wache jeden Tag ein Familienmitglied vor dem Eingang, um die Kirche vor Vandalismus zu schützen. Die Ikonen im Inneren sind wirklich hübsch. Es ist aber auch sehr dunkel.

Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.

Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.

Ein paar Meter weiter erinnert ein sozialistisches Denkmal an die Gefallenen aller möglichen Kriege, in die Bulgarien sich verwickelt hat. Die weißen Marmorplatten haben Risse oder fehlen ganz. Hier fühlt sich offensichtlich keine Familie verpflichtet, auf eigene Fast zu renovieren, erst recht steht keiner Wache.

Am Rande des Geländes fällt uns ein merkwürdiges Betongebilde ins Auge. Umwuchert von einem Dornbusch sollte es wohl ein Klohäuschen mit zwei Kabinen werden. Dahinter geht es sanft den Abhang runter. Ist das hier vielleicht der Eingang in die Unterwelt? Und nicht diese Höhle mit dem plakativen und ganz und gar unglaubwürdigen Namen „Teufelsrachen“?

Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.

Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.

Es ist doch höchst unwahrscheinlich, dass Orpheus einen so touristischen Ort wie eine Tropfsteinhöhle passieren musste, um seine Eurydike zu finden. Nein, der wahre Eingang in die Unterwelt muss unscheinbar sein. Hades will doch sicher vermeiden, dass jeder Orpheus seine Eurydike findet. Die sollen ruhig weiter in irgendwelchen Tropfsteinhöhlen suchen.

Der Hüter der Kapelle erzählt, dass sich jedes Jahr im August knapp 2.000 Menschen auf dieser Anhöhe versammeln, um ganz im Sinne Orpheus das „Internationale Dudelsack Festival“ zu begehen. Toll! Schneeweisse bulgarische Dudelsäcke treffen Dudelsäcke mit brauner Haut und in Schottenrock. Sie entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten und dudeln über Sprachgrenzen hinweg nationale Volkslieder. Vielleicht hat Diana Ross sogar hier ihre „Mysterious Bulgarian singers“ gefunden. Dudelsackveteranen aus aller Welt sitzen im Abendlicht beisammen und schauen auf Orpheus Pyramidenberg. Sie essen Köfte und grillen ganze Lämmer. Währenddessen vergleichen sie die Promillerekorde ihrer landestypischen Schnäpse. Schottischer Whiskey vs. bulgarischen Rhakia. Der Rhakia gewinnt natürlich immer. Ab und zu verschwindet einer in der Kloruine. Die anderen sind so vertieft in die Völkerverständigung, dass sie gar nicht merken, dass ihr Kamerad nie wieder auftaucht.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem scheinbar verlassenen Hof vorbei. Vier entfesselte Hunde schlagen an. Der eine ist so alt, dass er nur noch heiser röcheln kann. Das aber aus voller Kehle. Ein kleinerer rast wie wild am maroden Holzzaun entlang. Zehn Meter weiter fletscht ein schwarzer Rottweiler seine Zähne. Gleich springt der Holzpflock, an dem seine Kette angebunden ist, aus dem Boden. Uns schauert. Wird das Reich des Hades nicht auch von einem gewaltigen Hund bewacht? Plötzlich ist klar: Das Hochplateau mit dem Kriegerdenkmal und den Dudelsackklos. Das war schon die Unterwelt. Wir haben nur den Hintereingang genommen.

 

Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.

Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.

 

 

 

 

 

 

 

 

PS: Bei nachträglichen Recherchen stelle ich fest, dass das „Internationale“ Dudelsackfestival gar nicht so völkerverständigend ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Eigentlich handelt es um einen nationalen „Wettstreit“ der besten bulgarischen Dudelsackbläser und Volkstanzgruppen. Orpheus Lieblingsplatz wird zu einem gigantischen Zeltplatz, es werden bulgarische Fahnen geschwungen, Jung und Alt tragen Tracht und tanzen stundenlang im Kreis. Köfte und Rakia gibt es natürlich trotzdem.

Das Ganze wird live im staatlichen Fernsehen übertragen. Hier ein kleiner Ausschnitt.

 

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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