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Die Müllsammler

veröffentlicht am Juni 4th 2015 in Am Wegesrand mit 0 Comments

Wie ich von einer Müllsammlerin ausgelacht wurde und mir eine Kunstperformance den Glauben an die Menschheit wieder gab.

Auf dem Weg zum Büro gehe ich am Morgen die belebte Rakovski Straße entlang. Der Gehweg ist eng, überall schwarz-weisse Poller, damit die SUVs nicht illegal parken, Ausbuchtungen für kümmerliche Bäumchen und Müllcontainer, offene Gullys, Schlaglöcher und zielstrebig stöckelnde Großstädterinnen. Im Passantenstrom kommt mir ein circa elfjähriges Mädchen entgegen. Ihre Haare sind verfilzt, der Pulli löchrig und ihr Gesicht so dreckig, als hätte sie sich sehr lange nicht gewaschen. Ich sehe ihre Mutter wie sie im Müllcontainer wühlt und der Kleinen ein in Papier eingewickeltes Etwas reicht. Das Mädchen packt aus und beißt herzhaft in den Rest von einem Burger. Ich bin schockiert und will der Kleinen im Vorbeigehen wenigstens ein Lächeln schenken. Als unsere Blicken sich treffen, reißt sie ihren Mund auf, um mir den schön zerkauten Brei darin zu zeigen. Ein Lachen, das mir die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Sicher, Armut habe ich auch in Südamerika gesehen. In Buenos Aires kommen die Armen nachts aus den Vorstädten, um den Müll zu sortierten. Die Stadt stellt eigene Züge dafür. Ganze Familien sammeln Altpapier oder Plastik und schieben ihre Beute nachts in Einkaufswagen durch die Strassen. Die Kleinsten oben drauf. Siebenjährige Jungs warten dort die ganze Nacht vor den Bars, um besoffenen Expats spätnachts noch ein Taxi zu rufen.

Aber Bulgarien ist doch Europa, dachte ich. EU-Mitglied! Gibt es hier nicht gewisse Mindeststandards, Sozialhilfe, Menschenrechte?

Mit solchen Argumenten erreicht man in Bulgarien leider gar nichts. „Das sind Zigeuner. Die wollen so leben.“ Das höre ich oft, wenn ich versuche, über das Thema zu sprechen. Auch gebildete Menschen aus der Mittelschicht, Anwälte und Geschäftsleute sehen das so. Ich als Deutsche könne dazu nichts sagen. Ich solle eben nicht so mitleidig sein.

 

Ironie statt Argumente

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Von der Malerrolle zum Wühlstab. Venelin Schurelov sieht in den Wühlstäben hochtechnisierte „Handverlängerungen“.

Viel sinnvoller erscheint mir der ironische Ansatz des Künstlers Venelin Schurelov und seines SubHuman Theatres. Der 38-Jährige hat sich die Arbeitsutensilien der Müllsammler etwas genauer anschaut und eine wahre Kunstfertigkeit darin entdeckt. Holzstücke, dünne Vorhangstangen oder Metallstäbe für Malerrollen biegen sich die Sammler so zurecht, dass sie den Müll nicht mit den Händen anfassen müssen und besser in alle Ecken kommen.

Schurelov erklärt diese Wühlstäbe zu hochtechnologisierten „Handextension“. In Institutionen wie der Sofioter Kunstakademie oder dem Goethe-Institut stellt er sie als wertvolle Kunstobjekte aus. Hinter Glas und sorgsam versehen mit Titel und Katalogtext. Handsigniert vom ursprünglichen Besitzer und theoretisch überformt als Resultat einer „low-tech-Kybernation“ verkauft er die Werkzeuge für mehrere hundert Euro.

Für eine Performance hat sich Schurelov zusammen mit einigen Müllsammlern einen Nachmittag lang in die Einkaufsstrasse Vitosha gesetzt, um die „Handextensions“ als Kunst zu verkaufen. Anstatt in eine Galerien zu gehen und sich folkloristischen Kitsch zu kaufen, hätten die Passanten echte Konzeptkunst erwerben können. Etwas, das im Westen hoch geschätzt ist und für das Kenner sehr viel Geld ausgeben.

Könnte auch ein Taktstock sein. Die Wühlstäbe als Resultat einer „low-tech-Kybernation“.

Könnte auch ein Taktstock sein. Die Wühlstäbe als Resultat einer „low-tech-Kybernation“.

Die konsumorientierte Mittelschicht hätte in einem simplen Akt des Geldausgebens Anschluss an westeuropäische Standards finden können. Das ist es doch, wonach sich die Bulgaren so sehr sehnen. Deshalb wehren sich so viele gegen das, was sie vermeintlich nach unten zieht. Was sie arm, provinziell und zurückgeblieben erscheinen lässt. Aber diese Chance haben die Passanten auf dem Vitosha Boulevard an diesem Nachmittag leider nicht erkannt.

 

 

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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