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Forget your past!

veröffentlicht am August 30th 2015 in Absurdistan & Am Wegesrand mit 0 Comments

Wie ich einmal versuchte mit extraterrestrischen Lebensformen Kontakt aufzunehmen und auf einem Gipfel im Balkangebirge ein Ufo landete.

Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.

Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.

Bisher hatte ich gedacht, das bizarre Denkmal im Park vor unserer Haustür sei an Monstrosität und Traurigkeit nicht mehr zu übertreffen. Ein rostiges Stahlgerippe ragt schräg ins Panorama. Die riesenhaften Metallfiguren sind nur zur Hälfte abmontiert, die stolze Brust des Partisanen ist aufgerissen und innerlich hohl. Notdürftig abgesperrt haben Sprayer und Skater den Betonsockel in Beschlag genommen.

Aber Niky, ein befreundeter Fotograf, erzählt mir, in den Bergen im Landesinneren gebe es noch etwas viel Unglaublicheres. Ein verlassenes Beton-Ufo auf einem Gipfel, das seit der Wende stetig vor sich hin bröckelt. Die Kommunisten hätten es 1981 zur 1300 Jahr-Feier Bulgariens dort abgesetzt, weil 90 Jahre zuvor hier auf dem Busludscha-Gipfel die Kommunistische Partei Bulgariens gegründet worden sei. Diktator Schiwkow ließ sich im Versammlungssaal neben Marx und Lenin mit golden Mosaiksteinchen verewigen. Trat der Bauernführer nach einer Sitzung in den Gang hinaus konnte er über die prächtigen Weiten der bulgarischen Tiefebene blicken und sich mit einem Glas Krim-Sekt in der Linken an der eigenen Allmacht berauschen. Nach der Wende kratzten ihm enttäuschte Genossen die goldenen Steinchen aus dem Gesicht.

Da wollen wir hin!

Dimitar Blagoev am Fuße von Busludscha

Der erste Kommunist Bulgariens: Dimitar Blagoev.

Nach einer langen Fahrt durch eine ausgedörrte Ebene empfängt uns am Fuße des Balkangebirges Dimitar Blagoev. Er gilt als Vater des Bulgarischen Sozialismus und Gründer der ersten Sozialdemokratischen Partei des Balkans. Die Marmorverkleidung am Denkmalsockel bröckelt etwas, dafür ist die Säule daneben frisch sandstrahlgereinigt – mit EU-Mitteln wahrscheinlich.

Oben auf dem Gipfel sitzt schon das Ufo, flankiert von einem kommunistischen Campanile, mit rotem Stern statt Kreuz. In großzügige Schleifen haben die Erbauer eine autobahnähnliche Auffahrt um den Berg gelegt. Alle 400 Meter gibt es riesige Haltebuchten, wo ganze Horden von Bussen pausieren können, während die Passagiere an steinernen Bank-Tisch-Ensembles Würste vertilgen. Volksfeststimmung muss hier geherrscht haben, wenn ausgewählte Volksgenossen einmal jeden Sommer zum Parteigeburtstag hierher pilgern durften.

Heute parkt auf dem Plateau vor der letzten Wegbiegung ein Mercedes und ein Bully aus Schweden. Statt Kommunisten zieht es heute Architekturtouristen und Ruin-Porn-Fans aus aller Welt hierhin. Ist ja auch wunderbar, wie sich vor der Kulisse des Ufos zwei expressive Hände aus dem Stein schälen, Fackeln haltend, deren Feuer sich vom Wind getrieben zu einer einzigen Flamme eint.

Eiserne Fäuste und Fackeln vor Ufo.

Vom Winde verweht: Das eiserne Feuer der Freiheit.

Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.

Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.

Ganz oben weht ein scharfer Wind. Der Stern auf dem Campanile ist riesig und rot verglast. Muss ein guter Effekt gewesen sein, nachts am Parteigeburtstag. Heute ist die Sternmitte zerborsten und an den unteren Ecken rinnt rote Farbe den Beton entlang. Jemand schiebt einen Selfie-Stick durch die Scherben. Gelächter. Kurz nach der Wende sollen sie sogar auf den Stern geschossen haben, weil sie glaubten er sei aus echten Rubinen.

Von schräg unten sieht das Ufo noch bombastischer aus als erwartet. „Never forget your past“ steht über dem verrammelten Eingang. Das „Never“ hat ein zweiter Geschichtsdeuter nachträglich hinzugefügt. Noch schöner ist das „Enjoy Communism“ daneben – gesprayt in Coca-Cola-Type. Offensichtlich etwas länger schon kleben die gigantischen kyrillischen Buchstaben rechts und links am Sockel. Es sind Verse aus der Internationalen. Großartig, wie die Beton-Lettern da zum Teil aus ihrer Verankerung kippen! Von manchen ist nur noch ein Schatten übrig.

Enjoy Communism!

Enjoy Communism!

Über ein Loch auf der rechten Seite klettern wir ins Innere. Rostige Eisenstreben, Scherben, Schutt. Das Gerippe einer Treppe führt uns auf die Galerie. Könnte wirklich der Blick aus dem Star-Trek-Cockpit sein. Ziemlich karg und verdorrt ist es auf diesem Planeten Bulgarien. Ob hier überhaupt menschliches Leben möglich ist?

Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?

Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?

Ein metallisches Klappern liegt über der Szenerie. Als wir den großen Saal betreten, weiß ich warum. Die Dachbleche über der Kuppel sind locker. Wenn der Wind sich eines der Dinger greift, möchte ich nicht in der Nähe sein. Trotzdem muss ich immer wieder nach oben schauen, zu Hammer und Sichel, ganz in Gold und umkränzt von den Worten „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ Sie werden gehalten von einem rostigen Gerippe, durch das beruhigend Himmel und Sonne blitzen.

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!

Ich trete in die Mitte des Saals und plötzlich sind sie alle versammelt: Marx, Engels und Lenin und Blagoev mit dem tollen Bart. Die Partisanen, die Bauern, die russischen Soldaten und die Frauen mit den traktorstarken Armen. Und einer, der aussieht wie Christus auf dem Weg zum Kreuz. Eine Stelle in der Ahnengalerie jedoch ist leer. „It’s just a head“ hat jemand hingesprüht. Das muss Schiwkow gewesen sein, dem sie das Gold aus dem Gesicht gekratzt haben.

It's just a head!

It’s just a head!

Am Abend sitzen wir bei alten Freunden von Janis Familie am Abendbrottisch. Tante Dimi erzählt, wie sie Mitte der Achtziger mit ihrem Mann einmal im Ufo übernachtet hat. Überall weißer Marmor und helle Teppiche und Krim-Sekt und Berge von Essen aus dem gesamten Ostblock. Tante Dimi war überzeugte Kommunistin. Deshalb und weil sie und ihr Mann bei der Marine waren, bekam die Familie sehr bald eine Wohnung in einer Plattenbausiedlung am Rand von Varna. Mit Aufzug, Zentralheizung und fließend Warmwasser. Heute lebt Tante Dimi noch immer in der Wohnung. Der Aufzug funktioniert nur phasenweise. Die Straßen sind voller Löcher. Aber vom Balkon aus kann man über die ganze Stadt schauen und hinter der Fabrik schimmert das Meer.

Der Kommunismus und ich.

Der Kommunismus und ich.

Wirklich gute Fotos von Busludscha und anderen kommunistischen Denkmälern, die mit extraterrestrischen Lebensformen zu kommunizieren scheinen, hat der bulgarische Fotograf Nikola Mihov gemacht.

Hier eine Auswahl seiner ausgezeichneten Arbeit.

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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