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In der Matratzengruft

veröffentlicht am März 30th 2015 in Warum Bulgarien? mit 0 Comments

Erst ein Hexenschuss, dann die Grippe und jetzt bedankt sich mein Magen für das Durcheinander von Schmerz-, Fieber- und Vitamintabletten, das ich ihm tagelang zugemutet habe. Zwei Wochen liege ich in meiner Matratzengruft. Immerhin befindet die sich im Dachgeschoss, was mir detaillierte Einblicke in die Bausubstanz und Sozialstruktur der Nachbarschaft gewährt: bröckelnde Fassaden, kaputte Dächer und eine bucklige Alte, die einmal am Tag ihre Vorhänge zur Seite zieht. Hinter dem maroden Balkon eine Etage tiefer verwandelt sich ein Grossraumbüro jeden Abend in das Schlafzimmer einer jungen Familie mit Baby.

Manchmal lasse ich die Rollos auch tagelang unten. Dann folge ich Georgi Markov ins Bulgarien der Fünfziger und Sechziger Jahre. Seine „Reportagen aus der Ferne“ schrieb er von London aus, nachdem die Sozialisten ihn aus dem Land gejagt hatten. Dissidenten-Gelage am Schwarzen Meer, Ausflüge mit Diktator Schivkov ins Gebirge, irre Geschichten über sowjetische „Spitzenprodukte“, Nachdenken über die die bulgarisch-sowjetische „Freundschaft“.

Ich tauche ein in das paradiesisches Leben der Schriftsteller und Künstler dieser Zeit: ein gutes Gehalt, exklusive Wohnungen, subventionierte Strandurlaube, ein Studium für die Kinder – solange sie mitspielen natürlich. Als Markov das irgendwann nicht mehr tat, musste er gehen. Am 7. September 1978, dem Geburtstag Schivkovs, wurde er im Londoner Exil ermordet. Vom Geheimdienst und laut Ermittlungen per Giftspritze aus einem Regenschirm.

Auf Markov folgt Ilija Trojanows Bericht über die bulgarische „Wende“, die dem deutsch-bulgarischem Autor zufolge eher eine dreiste Umettikettierung des Bestehenden war. Dann kommen Karen Köhlers schöne Kurzgeschichten über kubanische Companeros auf deutschen Krebsstationen und andere Unwahrscheinlichkeiten und Ulla Lenzes „Endlose Stadt“, in der sich zwei Frauen zwischen Mumbai, Berlin und Istanbul in ein Netz aus Kunst, Liebe und Kapitalismus verstricken. Wie sehr fühle ich mit Teresa, der Journalistin, die sich angesichts all der in Mumbai auf sie einprasselnden Eindrücke unfähig fühlt, einen angemessenen Bericht an die Heimat-Redaktion zu schicken. Zu komplex die Realität, zu bruchstückhaft die eigene Erfahrung, zu anmaßend im Grunde der Anspruch, überhaupt irgendwas “Wahres“ über eine fremde Stadt sagen zu können. Fröstelnd falle ich in einen Fiebertraum.

Am nächsten Tag trampte ich mit dem jungen Amerikaner Richard nach Indien. Ja, wirklich, wir „trampen“! Anfang der Siebziger Jahre sind wir nicht die Einzigen, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und einer Opiumhöhle in Goa irrwitzige Risiken eingehen. Von London über Paris, Assisi, Kreta und Istanbul in ein mit Pocken verseuchtes Ostanatolien. Mit dem Bus durch Iran und dem LKW durch Afghanistan und Pakistan. Endlich im Schoß von „Mother India“ reisen wir in übervollen Dritteklassezügen von Guru zu Guru, von Festival zu Festival, von Kloster zu Kloster. Wir erklimmen den Himalaja, schlafen in Höhlen und einmal ertrinken wir fast im Ganges. Die meiste Zeit aber verbringen wir krampfend auf der Latrine.

Sicher manche Nächte verbringe ich auch mit Francis und Clarie Underwood in Washington. Als die sich trennen, kämpfe ich mit Peggy Olsen gegen die Mad Men und irgendwann gehe ich sogar mit den skrupellosen „Suits“ lunchen. Schlafwandlerisch wechselte ich zwischen Francis’ Südstaaten-Slang, Herrenwitzen der Sechziger und dem ekelhaften Powertalk des neuen Jahrtausends.

Bevor ich mich in die Kinderwelt von „To kill a mocking bird“ versenke, muss ich doch einmal raus. Der Magen rumort wieder. Draußen liegt Schnee. Der Bürgersteig ist abgesperrt. Eine Lawine muss vom Dach gefallen sein, jedenfalls türmt sich das Weiss. Ich kann mich nicht orientieren. Sieht alles so anders aus als auf der Madison Avenue, auch als Mumbai so wie ich es mir vorstelle. Wo war noch die Apotheke?

Ich laufe wie in einer Blase. Die Ohren betäubt, Nase verstopft, ein leichter medicine-rush im Kopf. Als ich vor dem Apotheker stehe, will die Zunge nicht recht. Welche Sprache soll’s denn jetzt sein? Underwood-Slang? Hindi? Balkan-Englisch? Der Apotheker grinst und antwortet auf Deutsch.

Wieder auf der Strasse fühle mich verloren. Ich habe keine Orientierung mehr – keine Stimme, kein Ich. Was soll ich bloß hier? Auf diesem kaputten Gehweg in Sofia, dieser fremden Stadt, die ich nicht verstehe und sie mich erst recht nicht? Ich will wieder zurück in meine Dachkammer. In meine Matratzengruft, wo ich die Rollos runterlassen kann, damit ich das Nachbarhaus nicht sehe, nicht die kaputten Dächer und Balkone und auch nicht den Himmel, den grauen. In meinem Nest über der Stadt fühle ich mich geborgen – in Literatur und Geschichten, umgeben von New Yorker Anwälten, kubanischen Kompaneros, iranischen LKW-Fahrern und indischen Yogis. Das „mockingbird“ wartet schon.

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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