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„Je suis contente“

veröffentlicht am April 10th 2015 in Am Wegesrand mit 0 Comments

Der Winter in Sofia kann hart sein. Besonders, wenn schon wieder eine Dachlawine einen Meter vor mir auf den Gehweg donnert, eine Woche kein warmes Wasser kommt und ein SUV mich am Zebrastreifen in den Schneematsch schiebt.

Zum Glück ist gerade Internationales Filmfestival. Fast allein sitzen wir auf den samtbezogenen Pressspan-Sitzen des Europa-Kinos und staunen über Paco de Lucia. Dieser Gott der Flamenco-Gitarre wollte immer weiter, immer Neues: Klassik, Jazz, sogar vor Bryan Adams schreckte er nicht zurück. Spott und Missgunst seiner traditionellen Kollegen war ihm sicher. Aber er machte weiter, tat ein Leben lang, was er für richtig hielt. Welch wunderbare Musik daraus entstanden ist!

Das erinnert mich an das „Salz der Erde“, Wim Wenders Dokumentation über den Fotografen Sebastiao Salgado, den wir vor Monaten in Frankfurt sahen. Auch er ging nicht den geraden Weg, sondern gab seinen Job als Ökonom in London auf, um freiberuflicher Fotograf zu werden. Pfiff auf Geld, Karriere und Anerkennung und gewann gerade dadurch all das. Mehr als er bei der Weltbank je hätte erreichen können.

Schreckliches hat er gesehen auf seinen Reisen um die Welt, der Völkermord in Ruanda gab ihm den Rest. Lange konnte er nicht arbeiten, zog sich zurück auf die Farm seines Vaters in Brasilien. Pflanzte Bäume und goss Stauden. Erst als langsam Leben in diese Wüstenlandschaft kam, fasste er neuen Mut. Salgado begann wieder zu fotografieren und eine Serie über die Schönheit der Erde entstand. Dieser Lebensweg beeindruckte mich. Und er machte Mut. Was ist schon Bulgarien im Vergleich zu Ruanda?

Weitere Lawinen brechen herunter – äußere und innere. Ich kaufe Schneeschuhe und verbringe zwei Wochen in der Matratzengruft. Aber auch der längste Winter hat mal ein Ende. Und so sitze ich am letzten Tag des Internationalen Filmfestivals wieder im „Europa“ – diesmal zusammen mit einer aufgedrehten Menge junger Großstädter. Marion Cotillard, ungeschminkt und mit Ringen unter den Augen, läuft von Kollege zu Kollege, um sie davon zu überzeugen, auf ihren Bonus zu verzichten, damit sie ihren Job behält. Trauer, Hoffnung, Verzweiflung, ein Selbstmordversuch. Am Ende bekommt sie ihren Job nicht zurück. Aber ihr letzter Satz lautet: „Je suis contente“.

Ich komme aus dem Kino und habe wieder Mut in den Schneematsch zu steigen.

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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