Mrz
18

Know How (bulgarisch Nou Hau)

veröffentlicht am März 18th 2015 in Warum Bulgarien? mit 0 Comments

Kaum hat der Ex-Rockbandmanager, Kite-Surfer und heutige Immobilienentwickler drei Worte mit mir gewechselt, bietet er mir einen Job in seinem Yogastudio an. Nicht als Aushilfe hinter dem Counter, sondern als vollwertige Yogalehrerin mit fester eigener Stunde. Zwar praktiziere ich seit ein paar Jahren intensiv Yoga, habe aber (bisher) weder ein Teacher Training absolviert, noch jemals versucht, jemand anderen in den abwärtsschauenden Hund zu bringen. Außer meinem Freund natürlich. „Ach, sei nicht so deutsch“, sagt der Ex-Rockbandmanager. „Mit Deiner Disziplin und deutschen Gründlichkeit wirst Du besser unterrichten als alle unsere jetzigen Lehrer zusammen.“

Drei Tage später stehe ich auf dem Tartanboden seines Studios, einem umgebauten Apartment im Stadtzentrum, und dehne meine meine Beine. Lilly, die Ex-Freundin des Rockbandmanagers, hat sich eine eigene Yoga-Choreographie ausgedacht und probiert sie an ihren aktuellen und verflossenen Liebhabern aus, darunter Investoren aus dem westlichen Ausland. Die meisten jedoch sind junge Frauen, einige avancierten nach nur sechs Monaten „Lilly-Training“ sogar selbst zu Lehrerinnen. Nach der Stunde küsst Lilly alle herzlich.

Die Gespräche mit Lillys Fanclub bestätigen, was ich bei der Internet-Recherche nach guten Studios schon ahnte. Yoga bewegt sich in Bulgarien irgendwo zwischen Hardcore-Esoterik und professioneller Nagelpflege. Die meisten haben einen intuitiven Zugang dazu und praktizieren den herabschauenden Hund genauso wie sie Wahrsagerinnen konsultieren und Ikonen im Wohnzimmer aufhängen. Die Frage nach einer Ausbildung ist dabei so idiotisch wie einen Hirten im Pirin-Gebirge nach einem Bio-Siegel zu fragen.

Wieder einmal muss ich feststellen, dass ich deutscher bin, als ich zugeben will. Abschlüsse und IHK-Zertifikate zählen mir offensichtlich mehr als eine Stunde authentisch-bulgarisches Schwitzen mit bewegten Mittvierzigerinnen und gut aussehenden Investoren.

 

Grausame Grammatik und zwielichtige Webdesigner

Meine deutsche Disziplin verlässt mich leider beim Bulgarisch-Lernen. Einen Monat lang zeige ich guten Willen, aber schließlich beende ich zeitweilig den Versuch. Nach eingehender Recherche hatte ich einen Sprachschule in meiner Nähe gefunden, die mit spielerischem Lernen und einem selbstentwickelten Bulgarisch-Kurs warb, der angeblich einen Preis von der Europäischen Union gewonnen hatte. Meine Lehrerin, eine junge Skandinavistin, wirkt sympathisch. Doch der Schein trügt. Weder existiert das von das EU-geförderte Bulgarisch-Buch, noch die selbst produzierten Audio-Beispiele. Die sympathische Lehrerin entpuppt sich als Paukerin russischen Stils, die statt der versprochenen Konversation eine Grammatiklektion nach der anderen durchpeitscht. So gewinnt man vielleicht Preise bei der Europäischen Union, aber einen Rakia werde ich damit nie bestellen können.

Nun gibt mein Freund mir Hin und Wieder Bulgarisch-Unterricht. Obwohl er neun Sprachen beherrscht, die er sich größtenteils selbst beigebracht hat, hat er kein Verständnis, wenn ich bis heute manche kyrillischen Buchstaben verwechsle. Vielleicht bin ich aber auch einfach faul und unbegabt.

Mehr Eifer lege ich beim Tagebuch-Schreiben an den Tag. Die absurden Geschichten drängen ans Licht und ich mache mich auf die Suche nach einen Webdesigner, der mir auf „give-and-take“ Basis beim Aufbau eines Blogs helfen kann. Über das Co-working office, in das ich mich eingemietet habe, bekomme ich eine Handvoll Namen und so sitze ich eines Mittags (eigentlich waren wir ja für 10 Uhr verabredet) mit einem Bärtigen vor meinem Laptop. Es stellt sich heraus, dass er zwar eine Seite hat, die er selbst gebaut hat. Das hat aber mehrere Monate gedauert und das Resultat wirkt so zusammengewürfelt wie Lillys Yogakurs. Seine Hilfe sieht so aus, dass er schweigend neben mir sitzt, während ich herausfinde, wie man Farben ändert, und in Foren lese, wie man Videos integriert.

Später treffe ich noch zwei „echte“ Webdesigner, einer Dozent an der Uni, der andere „Head of Digital“ in einer Werbeagentur. Die könnten mir den Blog natürlich innerhalb kürzester Zeit fertig stellen. Allerdings wollen sie von mir als Deutscher einen Preis, den nicht einmal ein Berliner Agenturchef in Rechnung stellen würde.

 

Europäisches „Know How“ beim Frisör und im Strassenbau

Das Gelb-Orange-Pflaume der meisten Bulgarinnen macht mir nicht viel Hoffnung. Aber langsam muss ich wirklich zum Frisör. Ich verlasse mich auf die Empfehlung einer bulgarischen Freundin, die in Frankfurt gern zu Vidal Sassoon geht. Der Name des Salons, „Know How“ (Bulgarisch „Nou Hau“ geschrieben) verspricht einiges und auf ihrer Seite werben sie mit „europäischen Standards“, die sie in Paris und London kennen gelernt hätten und auch in Sofia hochhalten würden.

Mit seinen rohen Wänden, freistehenden Spiegeln und aggressiver Technomusik würde der Laden gut ins Berlin der Neunziger passen. Das gleiche gilt für den Toni & Guy-Umhang, den mir mein Frisör, ein 25-jähriger Hipster, mit großem Tamtam umwirft. Ohne die Genehmigung des Londoner Friseurunternehmens natürlich, wie mir die Chefin später verrät. „Die wollen hier nicht investieren. Zu wenig anspruchsvolle Kunden, die bereit sind für Qualität zu zahlen.“

Nachdem ich meinem Hipster mit Händen und Füßen zu erklären versucht habe, wie ich meine Haare will und wir uns schließlich auf ein Bild aus einem Katalog einigen, offenbaren sich seine „europäischen Standards“: Ein wildes Schnipp-Schnapp in alle Richtungen, stundenlanges Föhnen von links nach rechts und am Schluss ein halber Liter Seifenwasser statt Haarspray. Links sind die Haare kürzer als rechts und „irgendwie wild“ – so wollte ich es doch haben, oder?

Auch im Strassenbau werden seit Neustem „europäische Standards“ eingehalten. Dank der Subventionen aus Brüssel sind sogar entlegenen Strassen im Rhodopen-Gebirge teilweise befahrbar. Es ist so viel Geld da, dass überall wie wild geteert, gepflastert und erweitert wird.

Das Ergebnis sieht dann mitunter so aus:

Strassenhindernisse

 

PS: Noch wehre ich mich, in diesen Erfahrungen das Klischee von den niedrigeren Standards in Osteuropa und dem „Auf dem Balkan macht jeder, was er will, egal, ob er es kann“-Gerede bestätigt zu sehen. Natürlich gibt es in Bulgarien hervorragende Yogalehrer, Bulgarischlehrer, Webdesigner, Frisöre und Strassenbauer. Ich habe sie bisher nur noch nicht kennengelernt.

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare