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Plädoyer für ein Leben im Abseits

veröffentlicht am Februar 20th 2015 in Warum Bulgarien? mit 0 Comments

Warum ich ein Leben in Bulgarien versuche

Bulgarien? Ziehst Du dann nach Bukarest? Das fragte eine Freundin, als ich ihr ankündigte, für ein halbes Jahr oder mehr in den Osten zu gehen. Bulgarien mit Rumänien zu verwechseln oder wenigstens ihre Hauptstädte durcheinander zu bringen, ist für eine promovierte Völkerrechtlerin und überzeugte Europäerin zwar peinlich – schliesslich hatten besagte Freundin und ich vor zehn Jahren an dieser Pariser Elitehochschule noch alle Länder der Erde samt Hauptstadt und Bruttosozialprodukt auswendig gelernt – aber immerhin mehr als ein Schulterzucken. Denn das war die häufigste Reaktion, die ich mit der Verkündigung meiner Pläne erntete.

Skipisten und Sandstrände? Erfinder des Joghurts? EU-Mitglied? NIEMALS!

All das zeigt, wie relevant Südosteuropa für Menschen aus dem Zentrum Europas ist. Nämlich gar nicht.

Ehrlich gesagt, ging es mir ähnlich, bevor ich vor sechs Jahren meinen Freund kennenlernte. Als gebürtiger Bulgare, der nach zwanzig Jahren in Deutschland fast mehr Fremdwörter beherrscht als ich, muss er sich beim ersten Kennenlernen den immer gleichen Spruch anhören: Jani? Ist das eine Abkürzung? Bist Du Grieche? Ich geb’s zu:  Das hab ich ihn auch gefragt.

Dann kamen verliebte Tage am Schwarzen Meer,  Ausflüge zu einsamen Bergdörfern und sowjetischen Denkmälern, Aufwachen zu Hahnengeschrei und ein Paprikasommer, dessen Düfte ich nie mehr vergessen werde. Sicher,  es knallte auch ein Schuss durch die Sommernacht, weil sich zwei Stiernacken beim Rakia in die Haare gekommen waren. Und die Roma-Kinder, die auf ihren Pferdefuhrwerken an den schicken Bars der Hauptstadt vorbei kutschierten, ließen gesellschaftliche Untiefen erahnen, von denen nichts in den Berichten an die EU-Kommission in Brüssel steht.

Für mich war Bulgarien eine fremde Welt, die mich rätselhaft anzog. Balkan – nur viel freundlicher als Ex-Jugoslawien, dessen Kriegsflüchtlinge in den Neunzigern in meine Klasse kamen. Vor allem aber spürte ich bei meinem Freund und allen Exil-Bulgaren, die ich mit der Zeit kennenlernte, etwas, das ich nicht kannte und um das ich sie heimlich beneidete. Eine heiße Sehnsucht nach dem Land ihrer Kindheit, ein unterschwelliges „Wenn es hier nicht klappt, kann ich immer noch nach Hause zurück.“

Als sich dann ein Schlupfloch in unseren Arbeitsverträgen ergab, war klar: Wir versuchen ein Leben in Bulgarien – in der Hauptstadt SOFIA. Mal sehen, wie lang es uns gefällt.

Ein Leben am südlichen Rand Europas, abseits vom Wahren, Guten und Schönen, jedenfalls von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Kurz: Ein Desaster für meinen Lebenslauf. Die Bekannten mit den guten Jobs zogen die Augenbrauen hoch. Der Onkel, der seine Patentochter endlich im „wahren Leben“ mit sozialversichungspflichtigem Job sehen möchte, sah Hopfen und Malz verloren. Ganz zu schweigen von der Oma, die „den Osten“ nur aus den Fronterzählungen ihres verstorbenen Mannes kennt. Aber alle wussten: Das Abseitige hat mir schon immer gefallen.

Da bin ich nun also: In Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Dieser Blog erzählt von meinem Leben hier.

Eine deutsche Feuilletonistin versucht ein Leben in Bulgarien - abseits von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Sie sucht das Wahre, Gute und Schöne im Abseitigen.

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