Über Alicja Kwade

erschienen in Welt am Sonntag

Glaubt diese junge Frau wirklich an Telepathie, Aura und Antimaterie? Ein Berliner Laborbesuch bei Alicja Kwade, die mit ihren gar nicht so durchgeknallten Objekten die deutsche Kunstwelt erobert

Es ist viel los am Kanal. Über das Wasser fliegen die Rufe vom Türkenmarkt. Eine alte Frau zerrt ihren Einkaufskarren über das Pflaster. Im „Café Übersee“ sitzt ein Paar mit verquollenen Augen, vor ihnen eines dieser Berliner Frühstücke aus Discounter-Zutaten. In der Einfahrt eines mächtigen Gründerzeithauses wartet eine Gruppe Jugendlicher auf den Beginn ihrer Umschulungsmaßnahme, die irgendwo im Hof stattfindet. Gelber Backstein, eine Tischlerwerkstatt, Männer, die schwere Farbeimer tragen. Ganz hinten zwischen zweitem Hof und Brache eine massive Stahltür. Kwade, steht da. Bitte laut klopfen. Aber es hilft nichts. Erst nach mehrfachem Klopfen und einem Telefonanruf öffnet eine junge Frau. Zierlich, helle Haut, lange blonde Haaren.

Alicja Kwade ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der deutschen Kunstszene. Sie hat im Hamburger Bahnhof ausgestellt, in der Kestner Gesellschaft in Hannover, im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Sie ist bei einer angesehenen Galerie unter Vertrag, wichtige Sammler haben ihre Werke gekauft. Gerade hat das ZKM Karlsruhe seine neue Ausstellungsreihe „Sensor“ mit einer Kwade-Soloschau eröffnet.

Passend zum Erfolg hat Kwade gerade ihr Atelier vergrößert. Bis vor Kurzem teilte sie die Erdgeschossfläche mit dem Bildhauer Thomas Kiesewetter. Dessen riesige Räume mit den hohen Decken und großen Fensterflächen hat Kwade jetzt mit ihren Arbeiten belegt. Nebenan, in Kwades altem Raum, arbeitet nun eine Restauratorin. Rechts steht ein riesenhafter Scheinwerfer, daneben eine halb ausgepackte Bahnhofsuhr. Hinten an der Wand stapeln sich bis zur Decke antiquarische Fundstücke: 50er-Jahre-Uhren in allen Variationen, Bauhaus-Lampen, Jugendstil-Leuchten, Büsten, Porzellan-Figurinen. Alles ist immer zweimal da. So sieht es jedenfalls aus. Wie in Kwades Arbeit „Parallelwelt“: Da stehen vier Kaiser-Idell-Lampen in einer Reihe und schauen in den Spiegel. Auf der anderen Seite des Spiegels steht jeweils noch eine Lampe, die der ersten bis ins Detail gleicht. Das Licht macht keinen Sinn mehr, der Spiegel auch nicht. Es ist, als schauten wir durch ein Fenster in eine Parallelwelt.

Im anderen Raum sind die Wände hoch und weiß, die Fenster abgeklebt mit matter Folie. Ein kühles Versuchslabor, das jede Ablenkung draußen hält. Nur die Neonröhren summen unter der Decke. Das erinnert an „Kommunikative Fernwirkung“, eine Arbeit, die auch in Karlsruhe zu sehen ist. Zwei Neonröhren hängen an gegenüberliegenden Wänden, ihr Summen wird über einen Lautsprecher verstärkt. Plötzlich gehen beide mit einem hörbaren Flackern aus, dann wieder an. Gleichzeitig, scheinbar zufällig.

„Mich interessiert diese Koppelung von Licht und Geräusch, in dem Moment, wenn das Licht erzeugt wird. Also die Energie, die man versucht in Ton umzusetzen. Das ist ja der Ausgangspunkt jeglicher Forschung, zum Beispiel beim Urknall“, sagt Kwade. „Aber indem ich die Neonröhre verdopple, geschieht noch etwas anderes: Ich schaffe einen mehrdimensionalen Möglichkeitsraum. Mit dem Flackern summieren sich die Zeitereignisse im selben Zeitraum.“

Das klingt ziemlich schräg, aber fassbar werden diese Möglichkeitsräume in der Versuchsanordnung, die Kwade hier aufgebaut hat: drei Glasscheiben, in verschiedenen Winkeln zueinander aufgestellt. Auf der einen Seite eine runde Lampe, auf der anderen eine Marmorkugel. Je nachdem, von wo man guckt, denkt man, der Marmor würde leuchten oder die Lampe wäre aus Marmor.

Es gibt noch andere Möglichkeitsräume im Atelier: den Arbeitsplatz mit dem großen Mac und das zerschlissene Sofa am Fenster. Huch, da liegt ja eine verstaubte Hand. Aber es ist nur ein grauer Handschuh, mit dem wohl jemand Beton gerührt hat. Kwade legt eine Kassette neben das Aufnahmegerät. Noch so eine zweite Möglichkeit. Sie spricht extrem schnell. Man merkt, dass sie ihre Arbeiten oft erklärt. Ja klar, „Alice im Wunderland“ passt natürlich super. Das Staunen, das Zaubern, die Parallelwelt. Aber mit dieser naiven Perspektive möchte die 32-Jährige nicht so gern assoziiert werden. Wüsste man nicht, dass sie im polnischen Kattowitz geboren und in Hannover aufgewachsen ist, könnte man sie für eine Berliner Göre halten. So schnoddrig spult sie ihre Sätze ab, so cool zieht sie an ihren Zigaretten: japanischen, von der Galerie-Tour nach Tokio, von der sie gerade wiedergekommen ist.

Auf dem Tisch liegt „Die Entstehung der Realität. Wie das Bewusstsein die Welt erschafft“ von Jörg Starkmuth und ein gelber Suhrkamp-Band der Luhmann-Schülerin Elena Esposito: „Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität“. Es geht um die Tatsache, dass der moderne Roman und die Wahrscheinlichkeitsrechnung beinahe zeitgleich entstanden sind. Esposito erklärt das mit dem Konzept der Realitätsverdoppelung und dem sozialen Wandel, der Ende des 17. Jahrhunderts einsetzte. Genau Kwades Linie. „Es ist doch erstaunlich, wie schnell wir an Dinge glauben, egal ob es optische Phänomene sind, gesellschaftliche Werte oder moralische Vereinbarungen. Dabei sind sie im Grunde alle sehr schnell auszuhebeln. Ich versuche mit meinen Arbeiten, da Fallen zu stellen.“

Eine besonders schöne Falle ist ihr Werk „Kohle (Rekord)“ von 2006. Kwade hat handelsübliche Kohlebriketts in Bronze gießen lassen und mit Blattgold überzogen. Wie echte „Goldbarren“ glänzen sie in Karlsruhe auf einem Sockel. Heute, wo der Glaube an abstrakte Geldwerte und Kreditgeschäfte verloren gegangen ist und Staaten wieder zu so etwas Mittelalterlichem wie Gold zurückkehren, kann man das natürlich als einen plakativen Kommentar auf die Finanzkrise lesen. Aber solche aktuellen Bezüge interessieren Kwade nicht.

Plötzlich klingelt die Kassette, die Kwade neben mein Aufnahmegerät gelegt hatte. Dieses Ding war doch kein anachronistisches Speichermedium, sondern die strahlende Zukunft unserer Kommunikationsgesellschaft: ein iPhone mit Tarnkappe. Kwade lacht und zeigt auf das Poster hinten an der Wand. „Houdini und Nikola Tesla bewundere ich sehr. Im Extrem folgen beide dem Urtrieb des Menschen: Sie versuchen über ihren eigenen Verständnis-Horizont hinauszublicken. Der eine mit Magie, der andere mit den Mitteln der Physik, und eben darüber hinaus.“

Auch wenn Kwade Steven Hawkings Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ fünfmal gelesen hat und die Grundzüge von Relativitätstheorie und Quantenphysik in drei Sätzen erklären kann, hat sie einen philosophischen Zugang zur Physik. Kwades neueste Arbeit aus Porzellan heißt sogar so: „Animal Metaphysicum“. Viele ihrer Titel entlehnt sie aus der Physik wie „Kooperatives Phänomen“ und „Anziehung konservativer Kräfte“. Sie selbst verwendet ja oft „konservative“ Materialien wie Glas, Holz und Metall. Diese konservativen Gegenstände krümmen sich bei Kwade dann im Raum – wie die Zeit in Einsteins Relativitätstheorie.

Die Vorstellung, dass es neben dieser einen Realität, in der wir leben, noch andere gibt, kann einen natürlich in den Wahnsinn treiben – wie Kwades Idol Nikola Tesla, der später glaubte, er könne mit Außerirdischen sprechen. Immerhin habe er auf dem Weg dahin den Wechselstrom erfunden, ohne den unsere heutige Realität in der Tat ganz anders aussähe, sagt Kwade.

Aber glaubt diese so vernünftig wirkende Frau wirklich an Telepathie, Aura, Antimaterie oder die Theorie der elf parallel geschichteten Dimensionen? „Schwierig zu sagen.“ Ein langer Zug an der Zigarette. „Aber kann man das eher glauben, als dass wir auf so einem Ball durchs All schwirren? Das ist alles genauso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich. Im täglichen Leben spielt das nicht immer so eine Rolle. Aber allein die Tatsache, dass wir hier so existieren, wie wir existieren, ist doch an sich schon wahnsinnig unglaublich.“

Kaum draußen, schlägt die Stahltür – wumms – wieder zu. Hof für Hof wird die Realität wieder lauter. Das Paar mit den verquollenen Augen ist verschwunden. Dafür steht vor dem Café der Nissan, von dem Kwade erzählt hat. Er ist die exakte Spiegelung des Nissan, den ihr Freund fährt: Schramme am Kotflügel, Kippen auf dem Rücksitz, Müll im Fußraum – alles gleich, nur spiegelverkehrt. Jemand hat eine Visitenkarte ans Beifahrerfenster geklemmt. 500 Euro bietet er für das Auto. „Wie gesehen.“ Vorsichtshalber fügt er noch hinzu: „Ohne Garantie und Gewährleistung“. Wer weiß, vielleicht ist diese Schrottmühle ja auch ein teures Kunstwerk. In einer anderen Welt.

 

(c) Sarah Elsing

Eine Version dieses Textes erschien zuerst am 25. Dezember 2011 im Feuilleton der Welt am Sonntag.

Bild„Journey without Arrival (Raleigh) by Alicja Kwade in City Hall Park“ by Kars Alfrink under Creative Commons License

  • Medium - Welt am Sonntag
  • Datum - 25. Dezember 2011
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