Über die Frankfurter Freitagsküche

erschienen in DIE ZEIT

Bärte, Beef und Bier: Einmal in der Woche lädt die Städelschule in Frankfurt zur „Freitagsküche“. Dann kochen Kunststudenten oder ihre Professoren ein Drei-Gänge-Menü.

Eisiger Wind fegt durch die Häuserflucht. Fahles Licht von hohen Laternen. Es schneit. Kein Mensch ist auf der Straße. Büromenschen kommen hier nur lang, wenn sie auf dem Weg zur Messe sind, zum Bahnhof oder ins Gallus, wo es sterile Büroräume und billige Wohnungen gibt. Ein Nicht-Ort in der »Metropole« Frankfurt. Durch eine Einfahrt flüchten wir in einen windgeschützten Hof. Plötzlich springt rechts eine Stahltür auf. Ein Schwall warmer Luft und Musik kommt uns entgegen. Wir treten ein ins »Zentrum für künstlerische Prozesse«.

Hier, im alten Verwaltungsgebäude der Andreae-Noris Zahn AG, das zuletzt ein Teil des Polizeipräsidiums war, hat das Atelier Frankfurt 45 Werkstätten für Maler, Bildhauer, Architekten, Designer, Videokünstler und Kuratoren eingerichtet. Es gibt Ausstellungen, Lesungen, Performances, und einmal die Woche lädt die Städelschule zur „Freitagsküche“. Kunststudenten oder ihre Profs kochen ein Drei-Gänge-Menü, manchmal zeigen sie dazu ihre neuesten Arbeiten, manchmal auch nicht. Dann wird nur gekocht. Schließlich gilt Kochen an der Städelschule seit der Berufung von Peter Kubelka als eigene Kunstgattung. Kubelka veranstaltete einmal im Jahr das »Gasthaus«, eine Aktion, die gleichzeitig Bühne seiner Kunst und sinnenfreudiges Ereignis der Kunstszene war. In dieser Tradition sieht sich auch die Frankfurter Freitagsküche. Es geht um das Einverleiben eines künstlerischen Prozesses. Und das für schlappe neun Euro oder sieben fürs Vegi-Gericht.

Was es heute gibt, kann keiner genau sagen. Denn keiner versteht die argentinische Speisenfolge, die der vor zwei Tagen eingesprungene Koch, ein Architekturprofessor aus Córdoba, auf den Zettel gekritzelt hat. Irgendwas mitbife und zur Vorspeise das Gleiche, nur sauer eingelegt. »Kann übrigens etwas dauern«, sagt der Bärtige hinter der Theke. »Wenn es euch zu lang wird, könnt ihr einfach gehen.« Wir bleiben erst mal.

An den Tischen, edel in weiß gedeckt, sitzen bärtige Mittdreißiger, ein paar Szenegirls und eine Kleinfamilie in Funktionskleidung. Alle mit Jacke, denn die Heizung geht nicht. Wo hat das Caravaggio-Mädchen an der Wand nur seine erhitzten Bäckchen her? Die Lichtpunkte der Discokugel gleiten über die vergitterten Fenster, über das DJ-Pult, über die Spiegelwand am Eingang. Ein Mann mit Fahrradhelm kommt herein. Er dreht sich zum Spiegel und schreckt zurück, geblendet vom Licht seiner eigenen Kopflampe. Als er rausgeht, blinkt es am Hinterkopf rot. Langsam wird es voll.

Es gibt viel Küsschen, Küsschen, Wiedersehensfreude und lange Umarmungen. Irgendwie scheinen sich alle zu kennen. Eine Gruppe Hemdträger und zwei Männer mit Farbresten an den Händen setzen sich zu den Bärtigen. Alle duzen sich. Auch sonst ist alles wie in Berlin: Nerd-Brille, orangefarbene Fingernägel, weiße Reebok-Turnschuhe, kein Mann ohne Schal. Und alle tragen sie Bart. Dichte, männliche Neandertal-Vollbärte, die beim Küsschen, Küsschen ziemlich kratzen. Gegen neun wechselt die Musik von Lounge zu Beat. Der DJ testet seinen Lieblingshit She gets to von Relentless Frog. Gern würden wir den unerbittlichen Frosch mit nach Hause nehmen. Damit er nicht gegen die Musik anbrüllen muss, schreibt der DJ auf einen Zettel: »Google it! It’s for free!« Um halb zehn ruft der Bärtige hinter der Theke: »Vorspeisen sind fertig!« Aber keinen scheint das zu interessieren. Die Kunst ist ein Prozess, und hier bestimmt die Masse den Takt. Mittlerweile ist es so heiß, dass Kondenswasser die Scheiben herunterläuft. Es riecht nach Fleisch und verbranntem Fett. Einige haben schon Teller mit dampfendem bife vor sich.

Der künstlerische Prozess hat begonnen. Es fließt viel Bier und Rotwein, das Fleisch ist köstlich. Der Beat wird lauter, die Leiber werden biegsamer. Um zwölf brät der Argentinier noch ein paar Crêpes, und alles dreht sich im Licht der Discokugel. Drinnen dreht sich die Kunst, und draußen ist plötzlich alles anders. Ein Mann zerrt seinen Hund über die Fahrbahn. Vorbei an der Ausfallstraße zur Autobahn bewegen wir uns wieder gen Westend, wo die Menschen sich siezen, zu Hause kochen und morgens früh aufstehen müssen.

 

(c) SARAH ELSING

Eine Version dieses Textes erschien zuerst am 28. Dezember 2010 in der Rubik „Was mache ich hier?“ im Feuilleton der Zeit.

Bild: „Peter Kubelka“ by Aleksi Pihkanen under Creative Commons License

  • Medium - DIE ZEIT
  • Datum - 28. Dezember 2010
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