Über die Lebensgeister der Städte

erschienen in Die Welt

Von Leipzig lernen heißt schrumpfen lernen: Das Architekten-Team Karo geht kreativ mit ostdeutschem Leerstand um und entwickelt Konzepte, die auch dem Ruhrgebiet gut täten

Die Einfahrt in den Ort verläuft immer gleich. Erst marode Fabrikanlagen, bröckelnde Fassaden, zersplitterte Scheiben. Dann die verlassenen Häuserzeilen. Am Bahnhofsvorplatz gähnen die Fensterlöcher einst hochherrschaftlicher Gründerzeithäuser. Zwei Rentner steigen ein, keiner aus. Hinter dem Ortsausgang dann der leere Parkplatz und der Lidl. Wer sich Leipzig mit dem Regionalexpress nähert und durch die verschiedenen Vororte fährt, den überkommt das kalte Grauen. So sieht es also aus, wenn ein Volk sich nicht mehr vermehrt, wenn die Jungen ihre Heimat verlassen, weil sie hier keine Zukunft mehr haben, wenn in ganzen Landstrichen nur noch Alte, Schulabbrecher und Großgrundbesitzer wohnen. Geisterstädte, so weit das Auge reicht.

Wozu braucht man da noch Architekten? Höchstens als Abbruchunternehmer. Oder als Denkmalverwalter, die regelmäßig Westgeld ranholen, um goldene Plaketten an die sanierten, aber leer stehenden Renaissance- und Barockhäuser in Görlitz, Altenburg und Wernigerode zu schrauben.

Für die Leipziger Karo-Architekten ist solches Denken die Bankrotterklärung ihres Berufsstandes. Demonstrativ stellen sich Stefan Rettich, Bert Hafermalz und Antje Heuer für ihr offizielles Büroporträt in das Gefüge, in dem sie arbeiten: eine menschenleere Straße mitten im verfallenden Gründerzeitquartier, links sind zwei Häuser gerade noch der Abrissbirne entkommen, rechts ist schon Brache, nur ein Stahlträger ragt noch aus der Erde. „Diese Realität ist unsere Ressource“, sagt Rettich, der als Einziger nicht aus der Gegend kommt, sondern aus Schwaben. „Wer solche Probleme vor der eigenen Haustür hat, muss sich ihnen stellen.“ Karo versuchen das mit der Verknüpfung der drei Bereiche, aus denen auch ihr Name zusammengesetzt ist: Kommunikation, Architektur und RaumOrdnung.

Ihr prominentestes Projekt ist der Umbau der alten Baumwollspinnerei in Leipzig-Plagwitz, die der „Guardian“ kürzlich den „hottest place on earth“ nannte. Neo Rauch bauten Karo ein großräumiges Atelier und seinem Galeristen Gerd Harry Lybke ein spektakuläres Loft auf dem Dach. Neben weiteren Ateliers für Kunststudenten und Architekten haben sie in Halle 18 ein Kindertheater, eine Druckerei, ein Kino und eine Galerie untergebracht. In zwei Etagen ist ein Callcenter eingezogen.

Obwohl Karo technisch alles auf den neusten Stand gebracht, Wände eingezogen und neue Verbindungen zwischen den Etagen geschaffen haben, sieht es im Treppenhaus immer noch aus wie vor der Wende. „Wir wollten nicht den gleichen Fehler machen wie die Leute, die die Kulturbrauerei in Berlin umgebaut haben. Eine totsanierte Fabrik wirkt künstlich. Künstler stößt das ab“, sagt Bert Hafermalz. Vielleicht liegt der Unterschied aber auch darin, dass in Leipzig einfach das Geld knapp war.

Man muss den Mangel eben als Ressource sehen. Dieser Ansatz funktioniert für Karo auch ein paar Nummern kleiner. Als die Stadt Leipzig vor einigen Jahren erwog, ganze Gründerzeitensembles abzureißen, bevor sie von allein in sich zusammenfielen, entwickelten Karo-Architekten das Konzept der „Wächterhäuser“. Künstler, Studenten oder Wohngemeinschaften sollten die vom Abbruch gefährdeten Wohnungen mietfrei bewohnen, wenn sie sie im Gegenzug notdürftig renovierten. 15 Wächterhäuser gibt es heute in Leipzig. Auch Dresden, Magdeburg, Chemnitz und Görlitz haben die Idee übernommen.

Weltweit bekannt jedoch wurden Karo-Architekten mit ihrem „Lesezeichen“ in Salbke, einem heruntergekommenen Vorort von Magdeburg. Auf der zentralen Brache des Viertels, dem früheren Dorfanger, auf dem vor Jahren eine Stadtteilbibliothek abgebrannt war, entwarfen die drei zusammen mit der Bevölkerung eine rund um die Uhr geöffnete Open-Air-Bibliothek. Während des Projekttags „Stadt auf Probe“ experimentierten die Bewohner so lange mit gestapelten Getränkekisten, bis die Form allen gefiel. Architektur zum Mitmachen.

Für diesen partizipatorischen Ansatz wurden Karo 2010 mit dem DAM-Preis für Architektur in Deutschland, dem Preis des Britischen Designmuseums und dem Europäischen Preis für öffentlichen Raum ausgezeichnet. Das „Lesezeichen“ reiste auf die Architekturbiennale nach Venedig und ist aktuell im Museum Maxxi in Rom ausgestellt. Dabei ist es im Grunde nicht mehr als eine Mauer mit eingelassenen Bücherregalen und Sitznischen zum Lesen – ironischerweise zusammengebaut aus den Fassadenteilen des kurz zuvor abgewrackten Westkaufhauses Horten im westfälischen Hamm. Davor liegen eine Grünfläche, ein Café und eine kleine Bühne, auf der Grundschulen Theaterstücke aufführen, öffentliche Lesungen stattfinden und Jugendbands Konzerte geben.

Karo hat dem Dorf ein neues Zentrum geschenkt, das der Bürgerverein wütend gegen die randalierenden Jugendlichen verteidigt, die das „Lesezeichen“ samstagnachts als Disco-Ersatz missbrauchen. Zur Not mit einem privaten Sicherheitsdienst. Denn die Stadt fühlt sich für Salbke längst nicht mehr zuständig. Das Viertel liegt in einem jener Armutsgürtel, die rund um die meist aufwendig sanierten Innenstädte entstanden sind, seit die arbeitende Bevölkerung nach der Wende erst nach Suburbia, dann in den Westen abgewandert ist. Die immer weiter sinkenden Steuereinnahmen zwingen die Gemeinden, sich auf das Allernotwendigste zu konzentrieren. Das Geld für das „Lesezeichen“ musste Karo sich vom Bund holen.

Aber eines ist auch klar: Wegen vereinzelter Leuchttürme wie dem „Lesezeichen“ bleibt kein junger, gut ausgebildeter Mensch in Magdeburg. Es helfe nicht, utopischen Wachstumsfantasien nachzuhängen und zu glauben, die Massen kämen zurück, wenn man die Infrastruktur aufrüste, meint Bert Hafermalz. Was will eine diplomierte Physikerin mit einer gähnend leeren Autobahn, einem in der Ödnis abgesetzten ICE-Bahnhof und 200 leer stehenden Gewerbegebieten, wenn sie keine Arbeit hat?

„Weniger ist Zukunft“, unter diesem Titel lief die IBA Stadtumbau Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr, auf der Karo die „Republic of  Harz“ ausrief. Rettich und seine Kollegen schlugen vor, dass sich die bisher vereinzelt vor sich hin wurstelnden Gemeinden über Landes- und Landkreisgrenzen zu „ruralen Republiken“ und urbanen „Cluster-Cities“ zusammenschließen.

Anknüpfen könnte man an den Imagewandel, den die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem Buch „Bitterfelder Bogen“ beschreibt – von der Dreckschleuder Europas zum „Solar-Valley“. Auf der Grundlage ihres technologischen Know-hows und ihrer natürlichen Verbindung durch die Elbe könnten Magdeburg, Dessau, Bitterfeld und Wittenberg eine sogenannte Eco-City gründen. „Allein können sich diese Städte nicht aus der Abwärtsspirale befreien. Das Netzwerk ist der Schlüssel“, glaubt Rettich. Vorausgesetzt natürlich, Politiker und Behörden akzeptieren ihre Lage. In Leipzig hat man das getan. Seit ein, zwei Jahren wächst die Stadt wieder.

Westdeutsche Kommunalpolitiker hingegen tun bis heute so, als würde nur der Osten schrumpfen. Dabei steht dem Ruhrgebiet und Städten wie Bremen, wo Stefan Rettich Architekturtheorie und Entwerfen lehrt, in absehbarer Zeit Ähnliches bevor. „Die Konzepte, die wir im Osten entwickelt haben, lassen sich sehr gut auf das Ruhrgebiet übertragen“, sagt Rettich. Denn auch in Gelsenkirchen verfallen viele Gründerzeithäuser, weil keiner mehr an der viel befahrenen Ausfallstraße wohnen will. Karo schlagen vor, den soliden Sockel samt Keller, Ladenlokal, repräsentativem Eingang und allen Anschlüssen zu erhalten. Obendrauf käme ein Einfamilienhaus, wie es sich junge Paare sonst auf der grünen Wiese bauen würden.

Für die Umgestaltung des Emscher Landschaftsparks zwischen Duisburg und Dortmund setzt Karo wieder auf den partizipatorischen Ansatz, der auch beim „Lesezeichen“ in Salbke so gut funktioniert hat. Was die Bewohner aus ihrem „postindustriellen Pompeij“ machen, müssen sie selbst herausfinden.

(c) SARAH ELSING

Eine Version dieses Textes erschien zuerst am 30. Januar 2012 im Feuilleton der Welt.

Bild: „Geschlossen“ by onnola under Creative Commons License

  • Medium - Die Welt
  • Datum - 30. Januar 2012
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