Über Emil Nolde

erschienen in Die Welt

Die Blume als Mensch betrachtet: Wie Emil Nolde in Porträts und Naturbildern dem Grundsätzlichen auf die Schliche kam, zeigt jetzt die Galerie Thomas in München

Schwarze Schlieren mäandern durch dunkelstes Blau, schlagen hart auf ein Gelb, das grell sich stemmt gegen das Dräuen über ihm. Am Horizont kippt es in ein tiefes Grün, umwogt von Petrol und schäumendem Weiß, hin und wieder noch blitzt es gelb, schwächer, ein Winken nur, auf bald. Emil Nolde, der diesen Überlebenskampf zwischen Tag und Nacht so expressiv in Farbe fasste, wird die Szenerie genau so vor sich gesehen haben. Und doch ist seine „Meereslandschaft“ fast abstrakt. Was ist hier Himmel? Was Meer? Lugt dort nicht noch eine Sandbank unter den Fluten hervor? Eines verläuft ins andere. Und alles ist Farbe.

Zu sehen ist dieses wunderbare Beispiel von Noldes radikalem Umgang mit widerstreitenden Farbtönen derzeit in der Galerie Thomas in München. Eigenhändig hat die Inhaberin und Nolde-Kennerin Silke Thomas eine feine Auswahl aus Noldes Werk zusammengestellt. Mit Ausnahme zweier Ölgemälde sind es vor allem Blumen- und Landschaftsaquarelle. Darunter kleine Meisterwerke wie die „Meereslandschaft“, die gleich bei der Vernissage in eine deutsche Privatsammlung verkauft wurde. Damit deckt die Ausstellung zwei zentrale Themen in Noldes Schaffen ab: Die Küstenlandschaften der Nord- und Ostsee, mit ihren mit dem Wetter schnell wechselnden, dramatischen Lichtverhältnissen und die farbige Vielfalt der Blumen, die er, wo immer er wohnte, in seinem Garten anpflanzte.

Der Bauernsohn Emil Hansen, der sich später nach seinem Geburtsdorf Nolde an der dänischen Grenze nannte, war tief verwurzelt in dieser rauen, ländlichen Gegend an der Nordsee. Er kannte das Graben in der Erde, das Kultivieren der Natur durch Menschenhand. So sind auch seine Landschaftsbilder keine getreue Nachahmung der Natur, sondern „triebhaft geschaffen“ von der emsigen Künstlerhand.

Nolde wollte die Farbe spüren, wenn er sie mit kräftigen Bewegungen auf die Leinwand auftrug oder mit zarter Hand auf dem Aquarellpapier verlaufen ließ. Ob das erzielte Ergebnis später mit der Realität übereinstimmte, war ihm unwichtig. Sehr wichtig schien dagegen, was der Maler in diesem Moment zum Ausdruck bringen musste: Expression statt Impression.

Natürlich erkennt man in Noldes zauberhaften Blumenaquarellen in München die Sonnenblume, den Rittersporn, die Amaryllis. Aber diese Blumen, die der Künstler so gut kannte, die er eigenhändig pflanzte und goss, von Unkraut und Schädlingen befreite, bis sie endlich zu blühen begannen, wirken auf Noldes Bildern wie eigenständige Geschöpfe, fast menschlich. Die knorrige Gestalt auf einem der in München gezeigten Ölgemälde etwa: Das könnte eine ausgetrocknete Sonnenblume sein oder ein halsstarriger Bauer vor seinem Feld.

Nolde malt Porträts, keine Naturdarstellungen. Und umgekehrt sind seine Porträts nicht unbedingt naturgetreu. Im „Porträt einer jungen Frau mit dunklen Haaren“ von 1935 etwa würde sich keine „junge Frau“, die Nolde jemals gemalt hat, wiedererkennen. Das Aquarell, das die Galerie Thomas für 295.000 Euro plus sieben Prozent Mehrwertsteuer anbietet, zeigt vielmehr einen bestimmten Typ Mensch: das bäuerliche Mädchen an sich.

Die Art, wie Nolde diesen Typ malte, ist exemplarisch: Vor dem gelb leuchtenden Hintergrund hebt sich eine mit groben Strichen gemalte Mädchengestalt ab. Ihre Gesichtszüge haben etwas Derbes, übertrieben rot wirken ihre Wangen – fast wie eine von Kinderhand gemalte Puppe. Die naive Darstellung ist Ausdruck von Noldes Suche nach Ursprünglichkeit, dem Rohen, Unverfälschten. Denn wie viele Avantgardisten nach 1870 – wie van Gogh, Matisse oder Gauguin, die unter der Sonne Südfrankreichs oder gleich der Südsee einen anderen Umgang mit Farbe und Licht fanden – interessierte auch Nolde sich für die damals als „primitiv“ bezeichneten Techniken der außereuropäischen Kunst.

Die Sehnsucht, dem Ursprünglichen, „Primitiven“ näherzukommen, wird Wirklichkeit, als Nolde 1913 eine deutsche Expedition nach Neuguinea begleiten darf. Auf der Rückreise überraschen ihn der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die Briten, die einen Teil seiner Gemälde konfiszieren. Zurück in Berlin, malt er die Szenen nach, die ihm von der Fremde in Erinnerung geblieben sind: Eine fremdländische Berglandschaft mit Palme, schwarze Frauen am Strand, ein Frauenkopf mit ozeanischen Gesichtszügen.

Im Zoologischen Garten vergegenwärtigt er sich die exotischen Tiere, die er auf der Reise in freier Wildbahn gesehen hat: durch den Morast staksende Marabus, eine Meeresschildkröte, die sich schwerfällig über den Sandboden schleppt. Wunderbar zart perlen violett und blassgelbe Farbtropfen vom Panzer des Tieres herab.

Neben solch exquisiten Exotica ist in München auch eine einzelne „Caféhaus-Szene“ aus dem flirrenden Berlin um 1910/11 zu sehen. Noch vor Beginn der Galeriepräsentation auf der Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht ging diese wahrhaft betörende Mischung aus Aquarell und Tusche an eine deutsche Privatsammlung. Auf dem Bild sitzen zwei Damen leicht aneinandergelehnt auf klassischen Caféstühlen. Der Betrachter sieht nur ihre Rücken, die üppigen, mit Blumen besteckten Hüte und ihre merkwürdig grünen Hälse. Von links schiebt sich ein weiterer Zuschauer ins Bild, das rotbackige Gesicht hat er auf die Hand gestützt. Doch das Eigentliche der Szene ist diese glühende Lava, die sich vor den Figuren ausbreitet – ein waberndes In- und Auseinander aus Pink, Violett und Rot. Was auf der Bühne ist, bleibt unsichtbar. Und doch zieht Nolde uns in einen undurchdringlichen Dunst aus Musik, Vergnügen, Lust und ganz viel Zigarettenrauch.

 

(c) SARAH ELSING

Eine Version dieses Textes erschien zuerst am 26. Mai 2012 im Feuilleton der Welt.

Bild: „[ N ] Emil Nolde – Die nackte (Nude) (1941-46)“ by cea + nach Creative Commons License.

  • Medium - Die Welt
  • Datum - 26. Mai 2012
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