Über Karate mit Altphilologen

erschienen in FAZ

Wie repariert man einen Wackelkontakt mit der Wirklichkeit? Warum nicht mit kalter Lasagne? Die Berliner Autorin Mariana Leky hat ein leichtes und witziges Buch über tiefe Trauer geschrieben.

Am Strand von Zandvoort ist der Schmerz plötzlich vorbei. Katja sitzt mit dem kleptomanen Feuerwehrmann Armin im Sand und isst kalt gewordene Lasagne aus einer Aluminiumschale. Vor ihnen kämpft ein versoffener Karatefilm-Darsteller mit dem toten Altphilologen Dr. Friedrich Blank, den außer Katja keiner sehen kann. Der Mond bescheint die Idylle, und dann gehen alle schwimmen.

Mariana Leky erzählt in ihrem Roman „Die Herrenausstatterin“, wie die junge Übersetzerin Katja den Weg vom Schmerz des doppelten Verlassenwerdens – die große Liebe ihres Lebens verlässt sie für eine andere und stirbt kurz darauf bei einem Autounfall – an den Strand von Zaandvoort schafft. Es beginnt mit der märchenhaft erzählten Liebesgeschichte zwischen dem lebenslustigen Jakob und der ängstlichen Katja, die auf seinem Zahnarztstuhl zueinander finden und über die Zeit eine innige Zweisamkeit entwickeln. Als er sich abwendet, erkrankt Katja an einer seltsamen Augenkrankheit. Sie kann ihn nicht sehen, als er sie am Krankenbett verlässt, sie erkennt die neue Geliebte nicht, als sie die Todesnachricht überbringt und auf der Beerdigung wollen einfach keine Tränen fließen.

 Der Alltag der Trauer

In den Wochen danach versinkt Katja in auswegloser Trauer. Doch anstatt die junge Witwe endlos lamentieren zu lassen, bricht Mariana Leky die Trauer aufs Konkret-Alltägliche herunter: Katja isst nicht, sie schläft nicht, sie wäscht sich nicht, stiert stundenlang in die Luft. Dann wieder räumt sie sinnlos die Wohnung um und streicht mitten in der Nacht das Badezimmer. Keine gute Idee, wenn man nichts im Bauch hat und fast nichts sieht.

In diesem Moment tritt Blank, der tote Altphilologe, in Katjas Leben. Er füttert sie mit Astronautennahrung, hält sie vom geheimen Plan des Hinterhersterbens ab und beschimpft den Chef der Übersetzungsagentur, als dieser Katja feuert. Nach einem Fehlalarm nistet sich schließlich auch Armin, der sehr lebendige Feuerwehrmann, bei Katja ein. Nacht für Nacht berichtet er von seinen wahren und erfundenen Abenteuern als Feuerwehrmann, versucht sie für Siebziger-Jahre-Karatefilme zu begeistern. In einem Akt der Hilflosigkeit kommt es versehentlich auch noch zu einer Befruchtung. Trotzdem bessert sich Katjas Zustand nicht, den Abstand zu Dingen und Menschen kann sie immer noch nicht richtig einschätzen. Sie hat, wie Armin sagt, einen „Wackelkontakt mit der Realität“. Der Kontakt steht erst wieder, als sie in Zandvoort eine kalte Lasagne isst.

Frei von Kitsch

Trotz des ernsten Themas ist Leky eine luftig-leichte Geschichte voller Skurrilitäten und ohne jeden Kitsch geglückt. Ihre Sprache ist von scharfer Präzision und hinreißendem Witz. Ironisch verpackt verlieren bei Leky sogar Weisheiten über Tod und Leben den Beigeschmack von Glückskeksen. So weiß Katja: „Der Tod ist, so scheint es mir jedenfalls, sehr nahe liegend. Abwegig ist das Leben, einschließlich der Hornhautraspeln.“

Katja, die von einem freistehenden Haus mit Fensterläden träumt und nicht wie Jakob von einem Leben im Zelt, ist eine typische Leky-Figur: Bereits in ihrem Erzähldebüt „Liebesperlen“ von 2002 schrieb die 1973 in Köln geborene Autorin über eine mutlose Germanistikstudentin, die finanziell und emotional von ihrem Vater abhängig ist. In „Erste Hilfe“ (2004) ging es wieder um verzagte Studenten, die nichts erleben und in der Kuscheligkeit ihrer WG versumpfen – immer auf der Schwelle von der latenten zur manifesten Angstneurose. Doch diesmal ist es anders. Diesmal holt Leky ihre Protagonistin heraus aus dem Tal der Schmerzen.

 

(c) SARAH ELSING

Eine Version dieses Textes erschien zuerst am 3. September 2009 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Bild: „rageface_misc_jackie_chan“ by MEME TN under Creative Commons License

  • Medium - FAZ
  • Datum - 3. September 2009
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