Wie spielt man einen Amokläufer, Ludwig Trepte?

erschienen in FAZ

Im Film „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ spielt Ludwig Trepte einen Außenseiter, der in Verdacht steht, Amok zu laufen. Dafür bekommt der Zwanzigjährige schon seinen zweiten Grimme-Preis. Versteht er, was Jugendliche zur Gewalt treibt?

Der zwanzigjährige Berliner Ludwig Trepte ist einer der außergewöhnlichsten Nachwuchsschauspieler Deutschlands. Dabei spielt er im Prinzip stets ähnliche Rollen. Hochsensible, tief verletzte Jugendliche, deren unterdrückte Aggressivität in blanke Gewalt umschlägt. In dem WDR-Film „Ihr könnt euch niemals sicher sein“, für den Trepte nun den Grimme-Preis erhält, gerät der rappende Außenseiter Oliver in Verdacht, in seiner Schule ein Massaker anrichten zu wollen. Es ist die Stärke dieses sensibel austarierten Films, dass bis zum Schluss in der Schwebe bleibt, ob Oliver die Schwelle zur Gewalt übertritt. Trepte verkörpert den undurchsichtigen Oliver mit einer Intensität und Glaubwürdigkeit, die fast schon unheimlich ist. Doch letztlich läuft hier nicht der Schüler, sondern seine Umgebung Amok, die ihn mit kopfloser Angst vorsorglich kriminalisiert, wie die Grimme-Jury schreibt (Grimme-Preis 2009: Wenn die Umgebung Amok läuft).

Schon voriges Jahr erhielt Ludwig Trepte für seine Darstellung eines revoltierenden Schülers den Grimme-Preis. Der Film „Guten Morgen, Herr Grothe“ (WDR) erzählt vom täglichen Überlebenskampf in der Schule. Ein Terrain, auf dem sich Trepte schon 2006 für den ZDF-Film „Kombat Sechzehn“ bewegte, wo er den Anführer einer Neonazi-Gruppe spielte. Wenn einer ahnt, was Jugendliche heute zur Gewalt treibt, könnte es Ludwig Trepte sein.

An einem Freitagmittag sitzt er vor einem Berliner Café in der Märzsonne. Wie Oliver aus „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ hat er die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Als er die Sonnenbrille abnimmt, treffen einen diese ernsten, braunen Augen. Erwachsen, sehr konzentriert und neugierig schauen sie dem Gegenüber direkt ins Gesicht. Diese Augen lassen einen nicht mehr los – erst recht nicht, wenn man sie von der Leinwand als die Augen eines Mörders kennt. In seinem neuen Kinofilm „Sieben Tage Sonntag“ sind es die Augen des polnischen Jugendlichen Adam, der mit seinem Freund Tommek aus purer Langeweile einen Menschen umbringt. Eine wahre Geschichte. Wie irre stechen Treptes Augen nach dem Mord aus einem verzerrten Gesicht. In der rechten Hand noch die Gabel, die er in den schon leblosen Körper gerammt hat. Immer wieder, immer wieder. Wie im Rausch.

Was passiert da im Kopf? Trepte atmet tief ein. „In solchen Momenten spürt man einfach nichts mehr“, sagt er. „Das ist eine totale Leere, nur noch Flashbacks.“ Er selbst konnte diesen Zustand nur über technische Hilfsmittel erreichen. Zum Beispiel über den Rhythmus, mit dem er auf die Wanne mit dem Blutbeutel einschlug, oder über die maschinenhafte Bewegung, die in dauernder Wiederholung auch in eine Art Rausch versetzt. Trotzdem konnte Trepte lange nicht verstehen, wie man aus dem Affekt heraus einen Menschen umbringen kann. Aus den Vernehmungsprotokollen von Adam und Tommek weiß er, dass der Mord für die Jungen ein wahres Schlüsselerlebnis war. „Zum ersten Mal in ihrem Leben haben sie wirklich etwas gefühlt. Es war ein Moment, der sie richtig erfüllt hat. Das ist ja das Schreckliche.“ Deshalb bereuen die zu lebenslanger Haft Verurteilten nichts. Sie sind sogar stolz auf ihre Tat. Beide geben an, der Haupttäter gewesen zu sein. Öfter zugestochen zu haben. Mehr gemordet zu haben.

Aber es ist nicht die Faszination des Mordens, die Ludwig Trepte an solchen Rollen reizt. Er sieht die Figuren, die er spielt, nicht als gewalttätige Neonazis, als brutale Mörder oder als mutmaßliche Amokläufer. Für ihn sind es Menschen, die oft den Glauben verloren haben, Liebe in sich tragen, die viel geben wollen, es aber nicht können. Aber wie kommt es dann zu roher Gewalt? Ludwig Trepte ringt mit sich. Bewusst setzt er Wort für Wort. Manchmal entgleitet ihm ein Gedanke, dann setzt er noch mal von vorn an. Noch klarer, noch bestimmter kommen dann die Sätze.

Je mehr man verstehen will, desto weniger weiß man

„Meiner Meinung nach ist es letztlich ein Kommunikationsproblem. Jugendliche sind oft komplett sich selbst überlassen, und es ist manchmal sehr schwer, daraus etwas zu machen“, sagt Trepte. „Die Menschen werden immer unsozialer, Jugendliche verschwinden in Parallelwelten, in Computerspiele, ins Internet. Irgendwann werden sie nur noch darüber emotional anstatt von Angesicht zu Angesicht.“ Über die Zeit wandelten sich der angehäufte Frust, die vielen kleinen Verletzungen, die Einsamkeit in ungeheure Wut. Oliver, der mutmaßliche Amokläufer, den Trepte für die ARD spielte, sei in der Lage, den Stress ins Rappen abfließen zu lassen. Wann aber werden aus verletzten Außenseitern, die ihre Aggressivität in Reime formen, Amokläufer? „Wenn sie so verzweifelt sind, dass sie ihren Druck nicht mehr anders ablassen können, als jemanden umzubringen“, glaubt Trepte.

Aber auch für ihn gilt: Je mehr man versucht, die Täter zu verstehen, desto weniger weiß man, warum sie es getan haben. Bleibt die letzte Frage. Was kann man tun, damit sich so etwas nicht wiederholt? Die Wolke, die die wärmende Märzsonne eben noch verdeckte, zieht weiter. „Mehr miteinander reden, besser zuhören, mehr Verständnis für den Schmerz der Jugendlichen entwickeln.“ In der Grünanlage gegenüber zwitschern ein paar Vögel. Ludwig Trepte ist mit seiner Antwort selbst nicht zufrieden. Dann zuckt er mit den Schultern. „Was soll ich sagen? Ich weiß es doch auch nicht.“

 

(c) SARAH ELSING

Eine Version dieses Textes erschien zuerst am 23. März 2009 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Bild: „bullet hole in a mirror“ under Creative Commons License by Jo Naylor.

  • Medium - FAZ
  • Datum - 23. März 2009
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