Über Vanessa Beecroft

erschienen in Monopol

Kann Kritik am Voyeurismus durch exzessiven Vollzug desselben noch raffinierter werden? Vanessa Beecroft tritt mit ihren nackten Covergirls im Frankfurter Museum für Moderne Kunst auf

Wunderschöne Kuhaugen, starr ins Weite gerichtet, stramm durchgedrückte Beine, schmerzhaft eingequetschte Füße, rasierte Geschlechtsteile und überraschend kleine Brüste. Nichts könnte besser zu einer Ausstellung über Mode in den Neunzigern passen als eine Performance der damals bekannt gewordenen Künstlerin Vanessa Beecroft. Folgerichtig kündigt das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) die Veranstaltung als „Höhepunkt des Event-Programms“ der Schau „Not in Fashion“ an, und es kommt am Mittwochabend alles, was sich zur illustren Frankfurter Kunstszene zählt.Im obersten Stock des Museums hat Beecroft ein Tableau vivant aufgebaut: 20 junge Frauen in High Heels, blonde, brünette und rote Perücken, manche in zirkusbunten Anzügen und neongelben Hosen, die meisten nackt. In stolzer Pose stehen sie vollkommen still, isoliert von den anderen, verlassen, traurig, wie am Set festgefrorene Covergirls. „Stand still! Be distant! Forget that you are naked!“, befielt eine Frauenstimme und stößt immer wieder lange sphärische Töne aus.Rote Flecken auf den Beinen, Füße und Hände laufen blau an. Einzelne setzen sich. Andere stehen auf. Die Magersüchtige in der ersten Reihe legt sich lasziv auf den Rücken. Die Pummelige hockt sich auf ihren spitzen Po. Jede der Frauen ist auf andere Weise verformt und schön. Doch gerade aus der Unverwechselbarkeit jeder Einzelnen ergibt sie ihre abstrakte Gemeinsamkeit: Das Urbild der nackten Frau.

Irgendwann schweifen die Blicke ab

Dann sieht man die Kuhaugen im Publikum. Sie weiden sich an dem, was Beecroft hier wie Vieh darbietet. Zählen die Dellen im Hintern, inspizieren die rasierten Schamlippen, betrachten die herausstechenden Rippen der Magersüchtigen, das puppenhafte Köpfchen der Rothaarigen.Irgendwann schweifen die Blicke ab. Gehen zu Oliver Reese, dem Intendanten des Frankfurter Schauspiels, der in der zweiten Reihe steht, zu Tobias Rehberger, Frankfurts Lieblingskünstler, der sich publikumswirksam hinter das pummelige Mädchen hockt. Der schneidige Kunststudent mit den auftoupierten Haar bekommt viel Aufmerksamkeit, und auch die Männer mit den surrenden Super-8-Kameras, von denen keiner recht weiß, ob sie zur Performance gehören oder nicht. Beobachtung der fremden und der eigenen Welt.Natürlich kann man jetzt die Interpretationsmaschine anwerfen und das alles als bewusstseinsschärfendes Kunsterlebnis deuten, das – zwar mit plakativen und scheinbar affirmativen Methoden – Sexismus und Sadomasochismus in der Kunst- und Modewelt hinterfragt und den Betrachter zwingen will, das eigene Betrachten kritisch zu reflektieren. Als Beobachtung der Beobachtung der Beobachtung.

Fleischbeschau mit Stirnrunzeln

Allerdings sollte das kunstsinnige Publikum bei der zügellosen Fleischbeschau durch nachdenkliches Stirnrunzeln signalisieren, wie die Kritik des Voyeurismus‘ durch exzessives Ausüben desselben noch raffinierter wird. Nicht umsonst gemahnt die Frauenstimme in Beecrofts Preformance wiederholt: „You are part of a bigger picture!“ – „Sie sind Teil eines größeren Bildes!“ Und: „The Performance is not Entertainment!“

Doch dann spürt man plötzlich diesen heißen Atem im Nacken. Das Publikum steht eng gedrängt, Rücken drücken sich gegen Brüste, Hände streifen Hüften. Beim Hinausgehen kleben Kuhaugen auf den Hintern. Die Performance ist noch lang nicht zu Ende. Sie geht im Foyer erst richtig los.

(c) SARAH ELSING Eine Version dieses Textes erschien zuerst am 25. November 2010 in Monopol.

Bild: „VE53 Vanessa Beecroft“ by Fabio Omero under Creative Commons License

  • Medium - Monopol
  • Datum - 25. November 2010
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