Am Grab von Georgi, dem Bären

Wo Menschen ihre Toten mit Wein begießen und ihnen Kaffeebecher ans Grab stellen, muss der Glaube ans Jenseits besonders stark sein.

Eine Bildergeschichte vom Hauptfriedhof in Burgas

Eine halbe Stunde schon sitze ich am Fuß eines Stromhäuschens auf dem Hauptfriedhof von Burgas. Die Augustsonne knallt mir senkrecht auf dem Kopf, die Luft flimmert. Ich überlege, ob Elektrosmog auf Friedhöfen ebenso tödlich ist wie auf deutschen Ackern neben der Autobahn. Der Schwarm minisküler Mücken über mir ist jedenfalls quick und lebendig. Freudig fallen sie mir in den Nacken und attackieren meine bereits distel-zerkratzen Beine.

Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe
Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe

Ein Fluch fliegt vom nahen Gräberfeld herüber. Jani kann das Grab seines Vaters und Großvaters nicht finden. Überall nur hohes Gras und Disteln. Dichtes Gebüsch und ganze Bäume sind seit seinem letzten Besuch auf Wegen und Beeten gewuchert. Und die Grabsteine sehen alle gleich aus. Einfache Betonplatten, in den Sechziger und Siebziger Jahren schräg angeschnitten, danach wieder rechtwinklig. Die Fotos der Toten sind vergilbt, die meisten kaum mehr zu erkennen.

Ich nutze die Zeit, um ein wenig Gräberkunde zu betreiben. Der Umgang eines Volkes mit seinen Toten dürfte einiges über die Werte einer Gemeinschaft verraten, über deren Vorstellungen von Leben und Tod und was auch immer danach kommen mag. Darüber kommt man sonst nicht so einfach ins Gespräch mit den Nachbarn oder den Kollegen aus dem Coworking Space.

 

Georgi, der Bär
Georgi, der Bär

Auf dem Weg in den hinteren Teil des Friedhofs waren wir bereits an einigen Kuriosa vorbei gekommen. Ein lebensgroßer Bär etwa, der sich bedrohlich über vertrocknete Osterglocken und ein paar Plastik-Nelken erhebt. Hier liegt Georgi, der Bär, erklärt die Grabinschrift. Falls Georgi Glück hatte, führt er im Jenseits jetzt tatsächlich das unbeschwerte Leben eines Bären.

Auch Grabsteine in Form von Surfbrettern, Schmetterlingen und Engelsflügeln gibt es. Reich verziert mit Fotos der Verstorbenen und Insignien ihres vergangenen Lebens: Handy, BMW Boxhandschuhe und Computer. Für Dimtscho Akkordeon, Weinglas und Fluppe. Und für DJ „Joro, das Beil“ natürlich die Turntables. Bestimmt läuft in der Himmelsdisco jetzt beilharter „Chalga“, bulgarischer Ethno-Pop aus Engelszungen.

Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes
Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes

Manche Grabsteine offenbaren auch unwahrscheinlichen Karrieren wie sie nur in Bulgarien nach der Wende möglich waren: Jantscho Patrikov etwa wurde vom Ringer zum erfolgreichen Geschäftsmann. Wie könnte er sich sonst einen Gladiolen besteckten Logenplatz am Hauptweg leisten?

Allein die Abbildung der Toten, oft im glücklichsten Moment ihres Lebens, gruselt mich. Stojan, die blondierte Mähne vom Winde verweht, das Handy in der Hand, der Mercedes im Hintergrund. Krasimir, das „Brüderchen“, beim Kitesurfen, Snowboarden, Motorradfahren und Posieren für die Kamera. Oberstleutnant Atanasov in Uniform, lässig in die Sonne blinzelnd. Und die junge Slatina mit der zweijährigen Maria auf dem Arm. Beide gestorben am selben Tag. Darunter der Spruch: „Keiner ist tot, solange es jemanden gibt, der ihn liebt“.

Vor allem die jungen Gesichter in den ersten Reihen fallen mir auf. Jungs mit dicken Muskeln und kindlichen Augen. Es sind womöglich „Mutra“ (zu deutsch „Fratze“), Mitglieder der ortsansässigen Mafia, die im Kampf für die Sache ums Leben kamen. Der Clan ehrt sie mit besonders pompösen Grabsteinen, Marmorplatten, Chromgestängen und roten Absperrkordeln wie im Museum. Je näher am Gehweg, desto mehr Ehre. Und je näher am Eingang, desto mehr und häufiger wohl auch die potenziellen Besucher.

 

Best Dad, best intellect: Dido
Best Dad, best intellect: Dido

Nie hätte ich gedacht, dass die Steinmetzkunst am äußersten Rand Europas, auf einem Friedhof am Schwarzen Meer, ihren mir unbekannten Höhepunkt erreicht. Die gemeißelten Gesichter auf den Grabsteinen wirken so lebendig, als fingen sie gleich zu sprechen an. So wie Dido, ein früh ergrauter Endvierziger. Mit in die Seiten gestützten Armen, geradezu agil präsentiert er sich auf seinem Grabstein. „Best Dad. Hands down“ steht auf seinem T-Shirt.

Die Steinmetze müssen ganze Arbeit geleistet haben, um Didos Armband-Uhr und den Ehering so zum Glänzen zu bringen. Aber wahrscheinlich ist es eher eine digital gesteuerte Maschine, die Bilder in HD und 3D-Optik in den Marmor fräst.

Unter Didos Bild eine Inschrift, die es mit einem altrömischen Epigramm aufnehmen könnte: „Wir verbeugen uns vor Deinem Intellekt, Deinen vielseitigen Interessen, großem Wissen und breiter Bildung.“ Im Angesicht eines Mannes in Motto-T-Shirt („Best Dad“) und Jägerweste eine offensichtliche Text-Bild-Schere.

Chalga auf dem Friedhof

Von hoher Kunstfertigkeit zeugen auch die grell bedruckten Glasplatten, die sich besonders auf Kindergräbern einiger Beliebtheit erfreuen. Comic-Helden, Engelchen und Schmetterlinge vor Wiesenidyll. In einem Glaskasten, ganz nah an der Erde, entdecke ich bemerkenswerte Grabbeigaben: Ein weißer Tiger und ein Affe aus Plüsch, ein Wasserfläschchen aus Plastik (geöffnet) und ein Kaffeebecher samt Löffel. Nach langem Schlaf im Schmetterlingsgrab weckt so ein Nescafé aus der Lieblingskeramik sicher schöne Erinnerungen.


Georgi, der Bär, musste sich wohl mit Wein begnügen. Wie die leeren Flaschen an frischen Erwachsenen-Gräbern zeigen, ist es in Bulgarien Tradition nach Blumen und Erde auch Wein ins Grab zu schütten. Das hilft beim Einschlafen und tilgt böse Gedanken.

Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende
Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende

Wie bei den alten Römern

Weiter hinten, wo die Wege nicht mehr so gepflegt sind, tauchen öfter auch Kommunisten-Sterne auf den Grabsteinen auf. Ließen sich die Genossen eigentlich vom Popen begraben? Oder sprach da der lokale Parteisekretär das letzte Geleit? Und was, wenn die Witwe sich nach drei Jahrzehnten, zwei Inflationen und einem Systemwechsel nur mit dem Segen der Kirche zu ihrem Mann legen will? Dann wird einfach ein Kreuz vor Grabstein gesetzt – ohne Stern.

Ein Motorrad fürs Jenseits
Ein Motorrad fürs Jenseits

Gerade im Vergleich mit den schlichten, zuweilen fast abstrakten Grabsteinen aus sozialistischer Zeit fällt heute ein übersteigerter Realismus in der Gestaltung auf. Der postsozialistische Kitsch, den ich aus Shopping-Malls und Wohnungseinrichtungen kenne, macht nicht einmal vor dem Friedhof halt. Überall Pastell, Plastikblumen, Markenlogos und dicke Uhren.

Vielleicht weil die Menschen erfahren haben, dass Ideen von heute auf morgen nichts mehr wert sein können, klammern sie sich heute so sehr an materielle Werte. Und diese bleiben ihnen sogar im Jenseits erhalten, wenn sie nur sicher in einem Glaskästchen am Grab bereit liegen. Ein heidnischer Totenkult wie bei den alten Römern. Auch ihnen galt als höchste Kunst, jede Falte der Verstorbenen möglichst detailgetreu nachzumeißeln.

Plötzlich Rufe aus dem Elektro-Smog-Gebiet. Jani hat das Grab seines Vaters gefunden. Ein wild wucherndes Nadel-Ungetüm hatte den Grabstein, ha, unter sich begraben. Ein Kommunisten-Stern ist nicht drauf. Nur die ausgeblichenen Schwarz-Weiß Fotos zweier gar nicht so alter Männer. Wir reißen trockene Wurzeln aus dem Boden und pflanzen zwei kleine Rosenbäumchen in die Wüste. Hoffentlich überleben sie wenigstens die eine Woche bis wir wieder in Sofia sind.

 

Die Müllsammler

Wie ich von einer Müllsammlerin ausgelacht wurde und mir eine Kunstperformance den Glauben an die Menschheit wieder gab.

Auf dem Weg zum Büro gehe ich am Morgen die belebte Rakovski Straße entlang. Der Gehweg ist eng, überall schwarz-weisse Poller, damit die SUVs nicht illegal parken, Ausbuchtungen für kümmerliche Bäumchen und Müllcontainer, offene Gullys, Schlaglöcher und zielstrebig stöckelnde Großstädterinnen. Im Passantenstrom kommt mir ein circa elfjähriges Mädchen entgegen. Ihre Haare sind verfilzt, der Pulli löchrig und ihr Gesicht so dreckig, als hätte sie sich sehr lange nicht gewaschen. Ich sehe ihre Mutter wie sie im Müllcontainer wühlt und der Kleinen ein in Papier eingewickeltes Etwas reicht. Das Mädchen packt aus und beißt herzhaft in den Rest von einem Burger. Ich bin schockiert und will der Kleinen im Vorbeigehen wenigstens ein Lächeln schenken. Als unsere Blicken sich treffen, reißt sie ihren Mund auf, um mir den schön zerkauten Brei darin zu zeigen. Ein Lachen, das mir die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Sicher, Armut habe ich auch in Südamerika gesehen. In Buenos Aires kommen die Armen nachts aus den Vorstädten, um den Müll zu sortierten. Die Stadt stellt eigene Züge dafür. Ganze Familien sammeln Altpapier oder Plastik und schieben ihre Beute nachts in Einkaufswagen durch die Strassen. Die Kleinsten oben drauf. Siebenjährige Jungs warten dort die ganze Nacht vor den Bars, um besoffenen Expats spätnachts noch ein Taxi zu rufen.

Aber Bulgarien ist doch Europa, dachte ich. EU-Mitglied! Gibt es hier nicht gewisse Mindeststandards, Sozialhilfe, Menschenrechte?

Mit solchen Argumenten erreicht man in Bulgarien leider gar nichts. „Das sind Zigeuner. Die wollen so leben.“ Das höre ich oft, wenn ich versuche, über das Thema zu sprechen. Auch gebildete Menschen aus der Mittelschicht, Anwälte und Geschäftsleute sehen das so. Ich als Deutsche könne dazu nichts sagen. Ich solle eben nicht so mitleidig sein.

 

Ironie statt Argumente

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Von der Malerrolle zum Wühlstab. Venelin Schurelov sieht in den Wühlstäben hochtechnisierte „Handverlängerungen“.

Viel sinnvoller erscheint mir der ironische Ansatz des Künstlers Venelin Schurelov und seines SubHuman Theatres. Der 38-Jährige hat sich die Arbeitsutensilien der Müllsammler etwas genauer anschaut und eine wahre Kunstfertigkeit darin entdeckt. Holzstücke, dünne Vorhangstangen oder Metallstäbe für Malerrollen biegen sich die Sammler so zurecht, dass sie den Müll nicht mit den Händen anfassen müssen und besser in alle Ecken kommen.

Schurelov erklärt diese Wühlstäbe zu hochtechnologisierten „Handextension“. In Institutionen wie der Sofioter Kunstakademie oder dem Goethe-Institut stellt er sie als wertvolle Kunstobjekte aus. Hinter Glas und sorgsam versehen mit Titel und Katalogtext. Handsigniert vom ursprünglichen Besitzer und theoretisch überformt als Resultat einer „low-tech-Kybernation“ verkauft er die Werkzeuge für mehrere hundert Euro.

Für eine Performance hat sich Schurelov zusammen mit einigen Müllsammlern einen Nachmittag lang in die Einkaufsstrasse Vitosha gesetzt, um die „Handextensions“ als Kunst zu verkaufen. Anstatt in eine Galerien zu gehen und sich folkloristischen Kitsch zu kaufen, hätten die Passanten echte Konzeptkunst erwerben können. Etwas, das im Westen hoch geschätzt ist und für das Kenner sehr viel Geld ausgeben.

Könnte auch ein Taktstock sein. Die Wühlstäbe als Resultat einer „low-tech-Kybernation“.
Könnte auch ein Taktstock sein. Die Wühlstäbe als Resultat einer „low-tech-Kybernation“.

Die konsumorientierte Mittelschicht hätte in einem simplen Akt des Geldausgebens Anschluss an westeuropäische Standards finden können. Das ist es doch, wonach sich die Bulgaren so sehr sehnen. Deshalb wehren sich so viele gegen das, was sie vermeintlich nach unten zieht. Was sie arm, provinziell und zurückgeblieben erscheinen lässt. Aber diese Chance haben die Passanten auf dem Vitosha Boulevard an diesem Nachmittag leider nicht erkannt.

 

 

Der Lada, Orpheus und ich (II)

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf wild gewordene Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten.

Drei Tage und Nächte darf der Lada vom dem Gemeindehaus in Orpheus Geburtsdorf ausruhen. Orpheus Lieblingsplatz im Gebirge ist nur zu Fuss erreichbar und auch meine postsowjetischen Yoga-Arme brauchen ein bisschen Pause. Auf dem Weg durch den Orpheus-Sektor entdecken wir einige noch viel „authentischere“ Sowjet-Autos als unseres. Im Schnee versunkene Trabis, rostige Moskwitschs, einen LKW mit Namen „ZIL“ und einen Kleinbus mit dem noch lustigeren Namen „UAZ“ (Sowjet-tyische Abkürzung für Ulyanovsk Autofabrik, benannt nach Lenins bürgerlichem Namen). In einem entlegenen Bergdorf pflegt der letzte Bewohner seinen beigen Wartburg wie seinen Augapfel, obwohl er damit längst nicht mehr auf die Strasse darf.

Ausruhen vor dem Gemeindehaus "Bewusstsein" in Orpheus Geburtsort Gela.
Ausruhen vor dem Gemeindehaus „Bewusstsein“ in Orpheus Geburtsort Gela.

Wie stolz bin ich plötzlich Fahrerin eines im Vergleich nagelneuen Lada in Russisch-Bordeaux zu sein. Der Lada galt im Ostblock als das Eleganteste, was diesseits der Mauer produziert wurde. Seine klaren Formen erinnern an mich an den alten Volvo meines Vaters – mit viel Fantasie sehe ich sogar etwas Saab darin. Mein Lada hat schöne braune Kunstledersitze. Und dieser Choke ist ein wirklich hilfreiches Werkzeug, wenn man ihn nicht wie ich während der ganzen Fahrt anlässt.

Nach zweistündiger Wanderung erreichen wir Orpheus Lieblingsplatz, ein sonniges Hochplateau, auf dem langsam der Schnee schmilzt. Hier soll der Barde gesessen haben und besonders gern auf den gegenüberliegenden Berg geschaut haben. Der sieht aus wie eine Pyramide und habe ihn wahrscheinlich an Ägypten erinnert.

So erzählt es uns der Mann vor der orthodoxen Kapelle, die mitten auf der Rasenfläche steht. Seine Familie habe den Innenraum nach der Wende auf eigene Kosten renoviert. Der Staat kümmere sich eben um nichts. Jetzt wache jeden Tag ein Familienmitglied vor dem Eingang, um die Kirche vor Vandalismus zu schützen. Die Ikonen im Inneren sind wirklich hübsch. Es ist aber auch sehr dunkel.

Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.
Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.

Ein paar Meter weiter erinnert ein sozialistisches Denkmal an die Gefallenen aller möglichen Kriege, in die Bulgarien sich verwickelt hat. Die weißen Marmorplatten haben Risse oder fehlen ganz. Hier fühlt sich offensichtlich keine Familie verpflichtet, auf eigene Fast zu renovieren, erst recht steht keiner Wache.

Am Rande des Geländes fällt uns ein merkwürdiges Betongebilde ins Auge. Umwuchert von einem Dornbusch sollte es wohl ein Klohäuschen mit zwei Kabinen werden. Dahinter geht es sanft den Abhang runter. Ist das hier vielleicht der Eingang in die Unterwelt? Und nicht diese Höhle mit dem plakativen und ganz und gar unglaubwürdigen Namen „Teufelsrachen“?

Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.
Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.

Es ist doch höchst unwahrscheinlich, dass Orpheus einen so touristischen Ort wie eine Tropfsteinhöhle passieren musste, um seine Eurydike zu finden. Nein, der wahre Eingang in die Unterwelt muss unscheinbar sein. Hades will doch sicher vermeiden, dass jeder Orpheus seine Eurydike findet. Die sollen ruhig weiter in irgendwelchen Tropfsteinhöhlen suchen.

Der Hüter der Kapelle erzählt, dass sich jedes Jahr im August knapp 2.000 Menschen auf dieser Anhöhe versammeln, um ganz im Sinne Orpheus das „Internationale Dudelsack Festival“ zu begehen. Toll! Schneeweisse bulgarische Dudelsäcke treffen Dudelsäcke mit brauner Haut und in Schottenrock. Sie entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten und dudeln über Sprachgrenzen hinweg nationale Volkslieder. Vielleicht hat Diana Ross sogar hier ihre „Mysterious Bulgarian singers“ gefunden. Dudelsackveteranen aus aller Welt sitzen im Abendlicht beisammen und schauen auf Orpheus Pyramidenberg. Sie essen Köfte und grillen ganze Lämmer. Währenddessen vergleichen sie die Promillerekorde ihrer landestypischen Schnäpse. Schottischer Whiskey vs. bulgarischen Rhakia. Der Rhakia gewinnt natürlich immer. Ab und zu verschwindet einer in der Kloruine. Die anderen sind so vertieft in die Völkerverständigung, dass sie gar nicht merken, dass ihr Kamerad nie wieder auftaucht.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem scheinbar verlassenen Hof vorbei. Vier entfesselte Hunde schlagen an. Der eine ist so alt, dass er nur noch heiser röcheln kann. Das aber aus voller Kehle. Ein kleinerer rast wie wild am maroden Holzzaun entlang. Zehn Meter weiter fletscht ein schwarzer Rottweiler seine Zähne. Gleich springt der Holzpflock, an dem seine Kette angebunden ist, aus dem Boden. Uns schauert. Wird das Reich des Hades nicht auch von einem gewaltigen Hund bewacht? Plötzlich ist klar: Das Hochplateau mit dem Kriegerdenkmal und den Dudelsackklos. Das war schon die Unterwelt. Wir haben nur den Hintereingang genommen.

 

Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.
Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.

 

 

 

 

 

 

 

 

PS: Bei nachträglichen Recherchen stelle ich fest, dass das „Internationale“ Dudelsackfestival gar nicht so völkerverständigend ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Eigentlich handelt es um einen nationalen „Wettstreit“ der besten bulgarischen Dudelsackbläser und Volkstanzgruppen. Orpheus Lieblingsplatz wird zu einem gigantischen Zeltplatz, es werden bulgarische Fahnen geschwungen, Jung und Alt tragen Tracht und tanzen stundenlang im Kreis. Köfte und Rakia gibt es natürlich trotzdem.

Das Ganze wird live im staatlichen Fernsehen übertragen. Hier ein kleiner Ausschnitt.

 

Der Lada, Orpheus und ich (I)

Wie wir einmal Orpheus besuchten, mit dem Lada im Schnee stecken blieben und mir klar wurde, warum sowjetische Frauen auf den Plakaten immer so starke Arme haben.

Über Ostern wollen wir Orpheus besuchen. Es erscheint uns folgerichtig in den Tagen nach Christi Kreuzigung einen Blick in das Reich des Hades zu werfen. Der Eingang dahin liegt nahe der griechischen Grenze in den Westrhodopen, 17 km vom göttlichen „Devin“ entfernt. Durch eine Tropfsteinhöhle mit dem wenig subtilen Namen „Rachen des Teufels“ soll Orpheus seiner Eurydike in die Unterwelt gefolgt sein. Wir hoffen auf Herberge in einem der vier Dörfer, die für sich in Anspruch nehmen Orpheus Geburtsort zu sein. Dort gibt es ein in Sofia gepriesenes Hotel mit „Spa“. Ausserdem kann man schön wandern und in den Tavernen gibt es Milchlamm mit selbstgebranntem Schnaps.

Für den Ritt dorthin leiht uns Rumen, der Vater einer Freundin, sein Drittauto – einen bordeauxroten Lada, den er kurz nach der Wende vor der Schrottpresse bewahrt hat. „Das wird die authentischste Bulgarienreise, die Ihr je unternommen habt“, sagt er. Er wird Recht behalten!

Am orthodoxen Gründonnerstag stehen wir also mit Sack und Pack im Garten eines renovierungsbedürftigen Hauses am Rande des Zentrums. Zur Überraschung unseres väterlichen Freundes springt der Lada gleich an. Mir schwant nichts Gutes. Während Rumen uns das Haus zeigt, die Vorschritte der Bauarbeiten überprüft und mit der Haushälterin scherzt, röhrt im Garten der Lada. Der Choke (ein Wort, das ich aus meiner Kindheit und von der ersten Karre meines Cousins kenne) ist gezogen und der Garten bald eine spektakuläre Kohlenmonoxid-Hölle. Mein deutsches Öko-Herz steht kurz vor dem Infarkt.

Zwanzig Minuten später würde ich alles geben, dieses wohlige Kohlenmonoxid-Röhren auf irgendeine Weise wieder erzeugen zu können. Auf der Suche nach der Ausfallstraße nach Süden hatte ich den Fehler gemacht, an einem Zebrastreifen zu halten. Wildes Hupen, obszöne Gesten, und verständnisloses Kopfschütteln beim Überholen der „wahnsinnigen Idiotin!“. Bereit mich in den „Rachen des Teufels“ zu werfen und nie mehr aus der Unterwelt hervorzulugen, würge ich den Motor ab.

Die erste Station auf dem Weg in die Unterwelt liegt also an einem Zebrastreifen auf dem Patriarch Evtimiy Boulevard, fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Unser väterlicher Freund verspricht Rettung, ist selbst jedoch schon wieder mit „business“ beschäftigt.

Stattdessen taucht wie aus dem Nichts ein Mann mit Sowjetbrille und Lidl-Tüte auf. Wissend und mitleidig schaut er in den Motorraum unseres Ladas. Ja, ja! Kenn ich! Been there! Die beiden Bulgaren, Jani und die Sowjetbrille, treiben ein wenig Konversation. Auf Deutsch. Sobald ich dazu komme, wechseln sie ins Englische. Vielleicht sollten wir Arabisch sprechen, wenn ein Brite hinzutritt? Oder Altgriechisch, falls ein Römer auftaucht? Das entspräche immerhin dem mythologischen Anlass unserer Reise.

Nach zwanzig Minuten absurdem Sprachwettbewerb auf dem Bürgersteig kommt endlich Rumen, unser Freund und Erlöser! Er bedankt sich bei seinem alten Freund, der Sowjetbrille, für die angemessene Unterhaltung der ausländischen Gäste in seiner Abwesenheit. Einmal Choke ziehen, Schlüssel umdrehen und der Lada läuft wieder. Vielsprachiges Lachen von allen Seiten.

Das muss es wohl sein. Dieses Gemeinschaftsgefühl des bulgarischen Sozialismus, das sich auch heute noch im gemeinschaftlichen Warten und Leiden einstellt. Nichts funktioniert, wir können nichts dran ändern, aber wir haben trotzdem Spass zusammen.

 

Oh, Orpheus, oh hilf!

Ein unendlicher Spaß wird auch die darauf folgende Fahrt auf Autobahn und Landstrasse. Die einzigen Fahrzeuge, die wir überholen, sind Pferdekarren. So kommt es mir jedenfalls vor. Nicht, dass es davon tatsächlich noch viele gäbe auf Bulgariens Strassen, aber sie scheinen fast häufiger zu vorzukommen als alte Sowjet-Autos. Wer in Sofia etwas auf sich hält, fährt SUV oder zumindest Opel. Die anderen Ladas sind jedenfalls deutlich zerbeulter als unserer, der seit der Wende die meiste Zeit in der Garage stand. Ganze Familien hocken da drin, zwischen Taschen und Koffern und Melonen auf der Hutablage. Wenn ich aus Spaß mal Gas gebe und beim Vorbeifahren solidarisch winke, schauen mich Bauerngesichter verständnislos an.

In Kreisverkehren und bei Wendemanövern auf offener Landstrasse wird mir klar, warum sowjetische Frauen auf den Propaganda-Plakaten immer so starke Arme haben: Nach einem langen Tag auf dem Traktor, mussten sie (wenn sie gute Verbindungen hatten) noch mit dem Lada nach Hause kurven – und zwar OHNE Servolenkung. Meine postsowjetischen Yoga-Arme können da nicht mithalten.

Wohlwollend tanken wir unser Gefährt bei der nächsten Gelegenheit erstmal voll. Dabei hatte Rumen uns geraten, immer nur für zwanzig Leva (zehn Euro) zu tanken. Fünfzig Kilometer später, verstehen wir warum: Der Tankstopfen ist nur Dekoration und das schöne Bleifrei schwappt bei jeder Kurve aus dem Tank. Auf dem Weg in die Unterwelt haben wir also eine verräterische Benzinspur hinterlassen. Ein Ariadne-Faden, der bei schlechtem Omen leicht Feuer fangen könnte.

Kein Weg nirgends.
Kein Weg nirgends.

Aber es wartet eine noch viel schwierigere Prüfung auf uns. Je näher wir Orpheus und dem westrhodopischen Skigebiet kommen, desto mehr entwickeln sich die fröhlichen, weissen Flocken zu einem verdammten Schneesturm. Wie schön, dass das Isolierband, das den linken Scheibenwischer am winkenden Metallarm festhält, tatsächlich wasserfest ist! Die Schneedecke wird dichter, die SUVs legen schon Schneeketten an. Aber wir haben ja zum Glück solide Sommerreifen.

In den Kurven gibt es jetzt ein lustiges Rutschen, denn unter dem Schnee versteckt sich nun auch noch gemeines, bulgarisches Eis. Irgendwann wird es dem Lada zu viel. Mit durchdrehenden Reifen rutschen wir rückwärts, geradewegs auf den ungesicherten Abgrund zu. Oh, Orpheus, oh hilf! Jani springt aus dem Wagen und stoppt ihn in letzter Minute. „Gas, Baby, Gas.“ Während der Mann schiebt, blase ich ihm eine formschöne, wärmende Kohlenmonoxid-Blase ins Gesicht. Der Lada ächzt und wir noch mehr. Aber wir schaffen es. Orpheus sei Dank.

 

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten, lesen Sie im zweiten Teil dieser Geschichte.

 

„Je suis contente“

Der Winter in Sofia kann hart sein. Besonders, wenn schon wieder eine Dachlawine einen Meter vor mir auf den Gehweg donnert, eine Woche kein warmes Wasser kommt und ein SUV mich am Zebrastreifen in den Schneematsch schiebt.

Zum Glück ist gerade Internationales Filmfestival. Fast allein sitzen wir auf den samtbezogenen Pressspan-Sitzen des Europa-Kinos und staunen über Paco de Lucia. Dieser Gott der Flamenco-Gitarre wollte immer weiter, immer Neues: Klassik, Jazz, sogar vor Bryan Adams schreckte er nicht zurück. Spott und Missgunst seiner traditionellen Kollegen war ihm sicher. Aber er machte weiter, tat ein Leben lang, was er für richtig hielt. Welch wunderbare Musik daraus entstanden ist!

Das erinnert mich an das „Salz der Erde“, Wim Wenders Dokumentation über den Fotografen Sebastiao Salgado, den wir vor Monaten in Frankfurt sahen. Auch er ging nicht den geraden Weg, sondern gab seinen Job als Ökonom in London auf, um freiberuflicher Fotograf zu werden. Pfiff auf Geld, Karriere und Anerkennung und gewann gerade dadurch all das. Mehr als er bei der Weltbank je hätte erreichen können.

Schreckliches hat er gesehen auf seinen Reisen um die Welt, der Völkermord in Ruanda gab ihm den Rest. Lange konnte er nicht arbeiten, zog sich zurück auf die Farm seines Vaters in Brasilien. Pflanzte Bäume und goss Stauden. Erst als langsam Leben in diese Wüstenlandschaft kam, fasste er neuen Mut. Salgado begann wieder zu fotografieren und eine Serie über die Schönheit der Erde entstand. Dieser Lebensweg beeindruckte mich. Und er machte Mut. Was ist schon Bulgarien im Vergleich zu Ruanda?

Weitere Lawinen brechen herunter – äußere und innere. Ich kaufe Schneeschuhe und verbringe zwei Wochen in der Matratzengruft. Aber auch der längste Winter hat mal ein Ende. Und so sitze ich am letzten Tag des Internationalen Filmfestivals wieder im „Europa“ – diesmal zusammen mit einer aufgedrehten Menge junger Großstädter. Marion Cotillard, ungeschminkt und mit Ringen unter den Augen, läuft von Kollege zu Kollege, um sie davon zu überzeugen, auf ihren Bonus zu verzichten, damit sie ihren Job behält. Trauer, Hoffnung, Verzweiflung, ein Selbstmordversuch. Am Ende bekommt sie ihren Job nicht zurück. Aber ihr letzter Satz lautet: „Je suis contente“.

Ich komme aus dem Kino und habe wieder Mut in den Schneematsch zu steigen.

In der Matratzengruft

Erst ein Hexenschuss, dann die Grippe und jetzt bedankt sich mein Magen für das Durcheinander von Schmerz-, Fieber- und Vitamintabletten, das ich ihm tagelang zugemutet habe. Zwei Wochen liege ich in meiner Matratzengruft. Immerhin befindet die sich im Dachgeschoss, was mir detaillierte Einblicke in die Bausubstanz und Sozialstruktur der Nachbarschaft gewährt: bröckelnde Fassaden, kaputte Dächer und eine bucklige Alte, die einmal am Tag ihre Vorhänge zur Seite zieht. Hinter dem maroden Balkon eine Etage tiefer verwandelt sich ein Grossraumbüro jeden Abend in das Schlafzimmer einer jungen Familie mit Baby.

Manchmal lasse ich die Rollos auch tagelang unten. Dann folge ich Georgi Markov ins Bulgarien der Fünfziger und Sechziger Jahre. Seine „Reportagen aus der Ferne“ schrieb er von London aus, nachdem die Sozialisten ihn aus dem Land gejagt hatten. Dissidenten-Gelage am Schwarzen Meer, Ausflüge mit Diktator Schivkov ins Gebirge, irre Geschichten über sowjetische „Spitzenprodukte“, Nachdenken über die die bulgarisch-sowjetische „Freundschaft“.

Ich tauche ein in das paradiesisches Leben der Schriftsteller und Künstler dieser Zeit: ein gutes Gehalt, exklusive Wohnungen, subventionierte Strandurlaube, ein Studium für die Kinder – solange sie mitspielen natürlich. Als Markov das irgendwann nicht mehr tat, musste er gehen. Am 7. September 1978, dem Geburtstag Schivkovs, wurde er im Londoner Exil ermordet. Vom Geheimdienst und laut Ermittlungen per Giftspritze aus einem Regenschirm.

Auf Markov folgt Ilija Trojanows Bericht über die bulgarische „Wende“, die dem deutsch-bulgarischem Autor zufolge eher eine dreiste Umettikettierung des Bestehenden war. Dann kommen Karen Köhlers schöne Kurzgeschichten über kubanische Companeros auf deutschen Krebsstationen und andere Unwahrscheinlichkeiten und Ulla Lenzes „Endlose Stadt“, in der sich zwei Frauen zwischen Mumbai, Berlin und Istanbul in ein Netz aus Kunst, Liebe und Kapitalismus verstricken. Wie sehr fühle ich mit Teresa, der Journalistin, die sich angesichts all der in Mumbai auf sie einprasselnden Eindrücke unfähig fühlt, einen angemessenen Bericht an die Heimat-Redaktion zu schicken. Zu komplex die Realität, zu bruchstückhaft die eigene Erfahrung, zu anmaßend im Grunde der Anspruch, überhaupt irgendwas “Wahres“ über eine fremde Stadt sagen zu können. Fröstelnd falle ich in einen Fiebertraum.

Am nächsten Tag trampte ich mit dem jungen Amerikaner Richard nach Indien. Ja, wirklich, wir „trampen“! Anfang der Siebziger Jahre sind wir nicht die Einzigen, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und einer Opiumhöhle in Goa irrwitzige Risiken eingehen. Von London über Paris, Assisi, Kreta und Istanbul in ein mit Pocken verseuchtes Ostanatolien. Mit dem Bus durch Iran und dem LKW durch Afghanistan und Pakistan. Endlich im Schoß von „Mother India“ reisen wir in übervollen Dritteklassezügen von Guru zu Guru, von Festival zu Festival, von Kloster zu Kloster. Wir erklimmen den Himalaja, schlafen in Höhlen und einmal ertrinken wir fast im Ganges. Die meiste Zeit aber verbringen wir krampfend auf der Latrine.

Sicher manche Nächte verbringe ich auch mit Francis und Clarie Underwood in Washington. Als die sich trennen, kämpfe ich mit Peggy Olsen gegen die Mad Men und irgendwann gehe ich sogar mit den skrupellosen „Suits“ lunchen. Schlafwandlerisch wechselte ich zwischen Francis’ Südstaaten-Slang, Herrenwitzen der Sechziger und dem ekelhaften Powertalk des neuen Jahrtausends.

Bevor ich mich in die Kinderwelt von „To kill a mocking bird“ versenke, muss ich doch einmal raus. Der Magen rumort wieder. Draußen liegt Schnee. Der Bürgersteig ist abgesperrt. Eine Lawine muss vom Dach gefallen sein, jedenfalls türmt sich das Weiss. Ich kann mich nicht orientieren. Sieht alles so anders aus als auf der Madison Avenue, auch als Mumbai so wie ich es mir vorstelle. Wo war noch die Apotheke?

Ich laufe wie in einer Blase. Die Ohren betäubt, Nase verstopft, ein leichter medicine-rush im Kopf. Als ich vor dem Apotheker stehe, will die Zunge nicht recht. Welche Sprache soll’s denn jetzt sein? Underwood-Slang? Hindi? Balkan-Englisch? Der Apotheker grinst und antwortet auf Deutsch.

Wieder auf der Strasse fühle mich verloren. Ich habe keine Orientierung mehr – keine Stimme, kein Ich. Was soll ich bloß hier? Auf diesem kaputten Gehweg in Sofia, dieser fremden Stadt, die ich nicht verstehe und sie mich erst recht nicht? Ich will wieder zurück in meine Dachkammer. In meine Matratzengruft, wo ich die Rollos runterlassen kann, damit ich das Nachbarhaus nicht sehe, nicht die kaputten Dächer und Balkone und auch nicht den Himmel, den grauen. In meinem Nest über der Stadt fühle ich mich geborgen – in Literatur und Geschichten, umgeben von New Yorker Anwälten, kubanischen Kompaneros, iranischen LKW-Fahrern und indischen Yogis. Das „mockingbird“ wartet schon.

Know How (bulgarisch Nou Hau)

Kaum hat der Ex-Rockbandmanager, Kite-Surfer und heutige Immobilienentwickler drei Worte mit mir gewechselt, bietet er mir einen Job in seinem Yogastudio an. Nicht als Aushilfe hinter dem Counter, sondern als vollwertige Yogalehrerin mit fester eigener Stunde. Zwar praktiziere ich seit ein paar Jahren intensiv Yoga, habe aber (bisher) weder ein Teacher Training absolviert, noch jemals versucht, jemand anderen in den abwärtsschauenden Hund zu bringen. Außer meinem Freund natürlich. „Ach, sei nicht so deutsch“, sagt der Ex-Rockbandmanager. „Mit Deiner Disziplin und deutschen Gründlichkeit wirst Du besser unterrichten als alle unsere jetzigen Lehrer zusammen.“

Drei Tage später stehe ich auf dem Tartanboden seines Studios, einem umgebauten Apartment im Stadtzentrum, und dehne meine meine Beine. Lilly, die Ex-Freundin des Rockbandmanagers, hat sich eine eigene Yoga-Choreographie ausgedacht und probiert sie an ihren aktuellen und verflossenen Liebhabern aus, darunter Investoren aus dem westlichen Ausland. Die meisten jedoch sind junge Frauen, einige avancierten nach nur sechs Monaten „Lilly-Training“ sogar selbst zu Lehrerinnen. Nach der Stunde küsst Lilly alle herzlich.

Die Gespräche mit Lillys Fanclub bestätigen, was ich bei der Internet-Recherche nach guten Studios schon ahnte. Yoga bewegt sich in Bulgarien irgendwo zwischen Hardcore-Esoterik und professioneller Nagelpflege. Die meisten haben einen intuitiven Zugang dazu und praktizieren den herabschauenden Hund genauso wie sie Wahrsagerinnen konsultieren und Ikonen im Wohnzimmer aufhängen. Die Frage nach einer Ausbildung ist dabei so idiotisch wie einen Hirten im Pirin-Gebirge nach einem Bio-Siegel zu fragen.

Wieder einmal muss ich feststellen, dass ich deutscher bin, als ich zugeben will. Abschlüsse und IHK-Zertifikate zählen mir offensichtlich mehr als eine Stunde authentisch-bulgarisches Schwitzen mit bewegten Mittvierzigerinnen und gut aussehenden Investoren.

 

Grausame Grammatik und zwielichtige Webdesigner

Meine deutsche Disziplin verlässt mich leider beim Bulgarisch-Lernen. Einen Monat lang zeige ich guten Willen, aber schließlich beende ich zeitweilig den Versuch. Nach eingehender Recherche hatte ich einen Sprachschule in meiner Nähe gefunden, die mit spielerischem Lernen und einem selbstentwickelten Bulgarisch-Kurs warb, der angeblich einen Preis von der Europäischen Union gewonnen hatte. Meine Lehrerin, eine junge Skandinavistin, wirkt sympathisch. Doch der Schein trügt. Weder existiert das von das EU-geförderte Bulgarisch-Buch, noch die selbst produzierten Audio-Beispiele. Die sympathische Lehrerin entpuppt sich als Paukerin russischen Stils, die statt der versprochenen Konversation eine Grammatiklektion nach der anderen durchpeitscht. So gewinnt man vielleicht Preise bei der Europäischen Union, aber einen Rakia werde ich damit nie bestellen können.

Nun gibt mein Freund mir Hin und Wieder Bulgarisch-Unterricht. Obwohl er neun Sprachen beherrscht, die er sich größtenteils selbst beigebracht hat, hat er kein Verständnis, wenn ich bis heute manche kyrillischen Buchstaben verwechsle. Vielleicht bin ich aber auch einfach faul und unbegabt.

Mehr Eifer lege ich beim Tagebuch-Schreiben an den Tag. Die absurden Geschichten drängen ans Licht und ich mache mich auf die Suche nach einen Webdesigner, der mir auf „give-and-take“ Basis beim Aufbau eines Blogs helfen kann. Über das Co-working office, in das ich mich eingemietet habe, bekomme ich eine Handvoll Namen und so sitze ich eines Mittags (eigentlich waren wir ja für 10 Uhr verabredet) mit einem Bärtigen vor meinem Laptop. Es stellt sich heraus, dass er zwar eine Seite hat, die er selbst gebaut hat. Das hat aber mehrere Monate gedauert und das Resultat wirkt so zusammengewürfelt wie Lillys Yogakurs. Seine Hilfe sieht so aus, dass er schweigend neben mir sitzt, während ich herausfinde, wie man Farben ändert, und in Foren lese, wie man Videos integriert.

Später treffe ich noch zwei „echte“ Webdesigner, einer Dozent an der Uni, der andere „Head of Digital“ in einer Werbeagentur. Die könnten mir den Blog natürlich innerhalb kürzester Zeit fertig stellen. Allerdings wollen sie von mir als Deutscher einen Preis, den nicht einmal ein Berliner Agenturchef in Rechnung stellen würde.

 

Europäisches „Know How“ beim Frisör und im Strassenbau

Das Gelb-Orange-Pflaume der meisten Bulgarinnen macht mir nicht viel Hoffnung. Aber langsam muss ich wirklich zum Frisör. Ich verlasse mich auf die Empfehlung einer bulgarischen Freundin, die in Frankfurt gern zu Vidal Sassoon geht. Der Name des Salons, „Know How“ (Bulgarisch „Nou Hau“ geschrieben) verspricht einiges und auf ihrer Seite werben sie mit „europäischen Standards“, die sie in Paris und London kennen gelernt hätten und auch in Sofia hochhalten würden.

Mit seinen rohen Wänden, freistehenden Spiegeln und aggressiver Technomusik würde der Laden gut ins Berlin der Neunziger passen. Das gleiche gilt für den Toni & Guy-Umhang, den mir mein Frisör, ein 25-jähriger Hipster, mit großem Tamtam umwirft. Ohne die Genehmigung des Londoner Friseurunternehmens natürlich, wie mir die Chefin später verrät. „Die wollen hier nicht investieren. Zu wenig anspruchsvolle Kunden, die bereit sind für Qualität zu zahlen.“

Nachdem ich meinem Hipster mit Händen und Füßen zu erklären versucht habe, wie ich meine Haare will und wir uns schließlich auf ein Bild aus einem Katalog einigen, offenbaren sich seine „europäischen Standards“: Ein wildes Schnipp-Schnapp in alle Richtungen, stundenlanges Föhnen von links nach rechts und am Schluss ein halber Liter Seifenwasser statt Haarspray. Links sind die Haare kürzer als rechts und „irgendwie wild“ – so wollte ich es doch haben, oder?

Auch im Strassenbau werden seit Neustem „europäische Standards“ eingehalten. Dank der Subventionen aus Brüssel sind sogar entlegenen Strassen im Rhodopen-Gebirge teilweise befahrbar. Es ist so viel Geld da, dass überall wie wild geteert, gepflastert und erweitert wird.

Das Ergebnis sieht dann mitunter so aus:

Strassenhindernisse

 

PS: Noch wehre ich mich, in diesen Erfahrungen das Klischee von den niedrigeren Standards in Osteuropa und dem „Auf dem Balkan macht jeder, was er will, egal, ob er es kann“-Gerede bestätigt zu sehen. Natürlich gibt es in Bulgarien hervorragende Yogalehrer, Bulgarischlehrer, Webdesigner, Frisöre und Strassenbauer. Ich habe sie bisher nur noch nicht kennengelernt.

Carmen im Schnee

Es schneit und schneit und schneit. Schon seit Tagen. Wohlig wollen wir uns in einen Kinosessel werfen und den neusten bulgarischen Blockbuster sehen. Dank des internationalen Filmfestivals laufen die für ein paar Wochen mit englischen Untertiteln. Als wir mit dem Strom der Menge aus der U-Bahn laufen, kommen wir an einer Frau vorbei, die betörend schön das Ave Maria singt. Die ganze Unterführung, dunkel und grau und in den Ecken elendig stinkend, ist erfüllt von ihrer Stimme. Wie alle haben wir es eilig und huschen schnell an ihr vorbei. Es bricht mir das Herz, ihr nichts zu geben, aber dem anerkennenden Blick, den ich ihr wenigstens schenken will, weicht sie aus.

Zwanzig Minuten später (der Film war leider schon ausverkauft) schlendern wir den Pracht- und Einkaufsboulevard Vitosha entlang. Bezaubernde Stimmung an einem bitterkalten Sonntagabend: Es liegen schon zwanzig Zentimeter Schnee und es rieselt immer weiter.  Plötzlich kommen uns Opernmelodien entgegen. Die Frau aus der U-Bahn steht im Eingang von „More&More“, wo alles gerade zur Hälfte rausgeschmissen wird, und singt Carmen. Wunderschön und mit Feuer in der Stimme. Sie muss professionelle Sängerin sein. Neben ihr ein uralter Laptop und ein Kinder-Lautsprecher, aus dem das Orchester kommt. Passanten bilden einen Kreis, sie tritt aus dem Eingang heraus und tanzt und dreht sich in den Flocken als stände sie tatsächlich auf der Bühne. Stolz, mit Glut in den Augen.

Die Menschen klatschen, Bravorufe. Alle zücken ihre iphones, aber mir ist es peinlich das jetzt aufzunehmen. Eine bulgarische Carmen mit selbst gestrickter Mütze und blauen Lippen. Eine Frau im Pelzmantel drückt der Sängerin einen Geldschein in die Hand. „Gehen Sie nach Hause, es ist kalt. Sie müssen auf Ihre Stimme achten“, übersetzt mir Jani. Die Sängerin schlägt die Augen nieder und singt die nächste Arie. Diesmal auf italienisch.

Auch wir legen etwas in den Papierbecher. Zehn Leva (umgerechnet fünf Euro). Ich frage mich noch, ob das nicht zu viel ist. Als ich zu Hause meinem Mantel in den Schrank hänge und all die teuren Kleider sehe, die ich aus Deutschland mitgeschleppt habe, schäme ich mich.

 

PS: Ein paar Tage später sehen wir einen Bericht im Fernsehen. Eine bulgarische Opernsängerin ist nach zwanzig Jahren in Australien nach Hause zurückgekehrt. Sie hat  noch kein Engagement hier, aber sie hatte so Heimweh.

 

https://www.youtube.com/watch?v=OYfMRZTDLZQ

Plädoyer für ein Leben im Abseits

Warum ich ein Leben in Bulgarien versuche

Bulgarien? Ziehst Du dann nach Bukarest? Das fragte eine Freundin, als ich ihr ankündigte, für ein halbes Jahr oder mehr in den Osten zu gehen. Bulgarien mit Rumänien zu verwechseln oder wenigstens ihre Hauptstädte durcheinander zu bringen, ist für eine promovierte Völkerrechtlerin und überzeugte Europäerin zwar peinlich – schliesslich hatten besagte Freundin und ich vor zehn Jahren an dieser Pariser Elitehochschule noch alle Länder der Erde samt Hauptstadt und Bruttosozialprodukt auswendig gelernt – aber immerhin mehr als ein Schulterzucken. Denn das war die häufigste Reaktion, die ich mit der Verkündigung meiner Pläne erntete.

Skipisten und Sandstrände? Erfinder des Joghurts? EU-Mitglied? NIEMALS!

All das zeigt, wie relevant Südosteuropa für Menschen aus dem Zentrum Europas ist. Nämlich gar nicht.

Ehrlich gesagt, ging es mir ähnlich, bevor ich vor sechs Jahren meinen Freund kennenlernte. Als gebürtiger Bulgare, der nach zwanzig Jahren in Deutschland fast mehr Fremdwörter beherrscht als ich, muss er sich beim ersten Kennenlernen den immer gleichen Spruch anhören: Jani? Ist das eine Abkürzung? Bist Du Grieche? Ich geb’s zu:  Das hab ich ihn auch gefragt.

Dann kamen verliebte Tage am Schwarzen Meer,  Ausflüge zu einsamen Bergdörfern und sowjetischen Denkmälern, Aufwachen zu Hahnengeschrei und ein Paprikasommer, dessen Düfte ich nie mehr vergessen werde. Sicher,  es knallte auch ein Schuss durch die Sommernacht, weil sich zwei Stiernacken beim Rakia in die Haare gekommen waren. Und die Roma-Kinder, die auf ihren Pferdefuhrwerken an den schicken Bars der Hauptstadt vorbei kutschierten, ließen gesellschaftliche Untiefen erahnen, von denen nichts in den Berichten an die EU-Kommission in Brüssel steht.

Für mich war Bulgarien eine fremde Welt, die mich rätselhaft anzog. Balkan – nur viel freundlicher als Ex-Jugoslawien, dessen Kriegsflüchtlinge in den Neunzigern in meine Klasse kamen. Vor allem aber spürte ich bei meinem Freund und allen Exil-Bulgaren, die ich mit der Zeit kennenlernte, etwas, das ich nicht kannte und um das ich sie heimlich beneidete. Eine heiße Sehnsucht nach dem Land ihrer Kindheit, ein unterschwelliges „Wenn es hier nicht klappt, kann ich immer noch nach Hause zurück.“

Als sich dann ein Schlupfloch in unseren Arbeitsverträgen ergab, war klar: Wir versuchen ein Leben in Bulgarien – in der Hauptstadt SOFIA. Mal sehen, wie lang es uns gefällt.

Ein Leben am südlichen Rand Europas, abseits vom Wahren, Guten und Schönen, jedenfalls von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Kurz: Ein Desaster für meinen Lebenslauf. Die Bekannten mit den guten Jobs zogen die Augenbrauen hoch. Der Onkel, der seine Patentochter endlich im „wahren Leben“ mit sozialversichungspflichtigem Job sehen möchte, sah Hopfen und Malz verloren. Ganz zu schweigen von der Oma, die „den Osten“ nur aus den Fronterzählungen ihres verstorbenen Mannes kennt. Aber alle wussten: Das Abseitige hat mir schon immer gefallen.

Da bin ich nun also: In Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Dieser Blog erzählt von meinem Leben hier.