Forget your past!

Wie ich einmal versuchte mit extraterrestrischen Lebensformen Kontakt aufzunehmen und auf einem Gipfel im Balkangebirge ein Ufo landete.

Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.
Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.

Bisher hatte ich gedacht, das bizarre Denkmal im Park vor unserer Haustür sei an Monstrosität und Traurigkeit nicht mehr zu übertreffen. Ein rostiges Stahlgerippe ragt schräg ins Panorama. Die riesenhaften Metallfiguren sind nur zur Hälfte abmontiert, die stolze Brust des Partisanen ist aufgerissen und innerlich hohl. Notdürftig abgesperrt haben Sprayer und Skater den Betonsockel in Beschlag genommen.

Aber Niky, ein befreundeter Fotograf, erzählt mir, in den Bergen im Landesinneren gebe es noch etwas viel Unglaublicheres. Ein verlassenes Beton-Ufo auf einem Gipfel, das seit der Wende stetig vor sich hin bröckelt. Die Kommunisten hätten es 1981 zur 1300 Jahr-Feier Bulgariens dort abgesetzt, weil 90 Jahre zuvor hier auf dem Busludscha-Gipfel die Kommunistische Partei Bulgariens gegründet worden sei. Diktator Schiwkow ließ sich im Versammlungssaal neben Marx und Lenin mit golden Mosaiksteinchen verewigen. Trat der Bauernführer nach einer Sitzung in den Gang hinaus konnte er über die prächtigen Weiten der bulgarischen Tiefebene blicken und sich mit einem Glas Krim-Sekt in der Linken an der eigenen Allmacht berauschen. Nach der Wende kratzten ihm enttäuschte Genossen die goldenen Steinchen aus dem Gesicht.

Da wollen wir hin!

Dimitar Blagoev am Fuße von Busludscha
Der erste Kommunist Bulgariens: Dimitar Blagoev.

Nach einer langen Fahrt durch eine ausgedörrte Ebene empfängt uns am Fuße des Balkangebirges Dimitar Blagoev. Er gilt als Vater des Bulgarischen Sozialismus und Gründer der ersten Sozialdemokratischen Partei des Balkans. Die Marmorverkleidung am Denkmalsockel bröckelt etwas, dafür ist die Säule daneben frisch sandstrahlgereinigt – mit EU-Mitteln wahrscheinlich.

Oben auf dem Gipfel sitzt schon das Ufo, flankiert von einem kommunistischen Campanile, mit rotem Stern statt Kreuz. In großzügige Schleifen haben die Erbauer eine autobahnähnliche Auffahrt um den Berg gelegt. Alle 400 Meter gibt es riesige Haltebuchten, wo ganze Horden von Bussen pausieren können, während die Passagiere an steinernen Bank-Tisch-Ensembles Würste vertilgen. Volksfeststimmung muss hier geherrscht haben, wenn ausgewählte Volksgenossen einmal jeden Sommer zum Parteigeburtstag hierher pilgern durften.

Heute parkt auf dem Plateau vor der letzten Wegbiegung ein Mercedes und ein Bully aus Schweden. Statt Kommunisten zieht es heute Architekturtouristen und Ruin-Porn-Fans aus aller Welt hierhin. Ist ja auch wunderbar, wie sich vor der Kulisse des Ufos zwei expressive Hände aus dem Stein schälen, Fackeln haltend, deren Feuer sich vom Wind getrieben zu einer einzigen Flamme eint.

Eiserne Fäuste und Fackeln vor Ufo.
Vom Winde verweht: Das eiserne Feuer der Freiheit.
Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.
Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.

Ganz oben weht ein scharfer Wind. Der Stern auf dem Campanile ist riesig und rot verglast. Muss ein guter Effekt gewesen sein, nachts am Parteigeburtstag. Heute ist die Sternmitte zerborsten und an den unteren Ecken rinnt rote Farbe den Beton entlang. Jemand schiebt einen Selfie-Stick durch die Scherben. Gelächter. Kurz nach der Wende sollen sie sogar auf den Stern geschossen haben, weil sie glaubten er sei aus echten Rubinen.

Von schräg unten sieht das Ufo noch bombastischer aus als erwartet. „Never forget your past“ steht über dem verrammelten Eingang. Das „Never“ hat ein zweiter Geschichtsdeuter nachträglich hinzugefügt. Noch schöner ist das „Enjoy Communism“ daneben – gesprayt in Coca-Cola-Type. Offensichtlich etwas länger schon kleben die gigantischen kyrillischen Buchstaben rechts und links am Sockel. Es sind Verse aus der Internationalen. Großartig, wie die Beton-Lettern da zum Teil aus ihrer Verankerung kippen! Von manchen ist nur noch ein Schatten übrig.

Enjoy Communism!
Enjoy Communism!

Über ein Loch auf der rechten Seite klettern wir ins Innere. Rostige Eisenstreben, Scherben, Schutt. Das Gerippe einer Treppe führt uns auf die Galerie. Könnte wirklich der Blick aus dem Star-Trek-Cockpit sein. Ziemlich karg und verdorrt ist es auf diesem Planeten Bulgarien. Ob hier überhaupt menschliches Leben möglich ist?

Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?
Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?

Ein metallisches Klappern liegt über der Szenerie. Als wir den großen Saal betreten, weiß ich warum. Die Dachbleche über der Kuppel sind locker. Wenn der Wind sich eines der Dinger greift, möchte ich nicht in der Nähe sein. Trotzdem muss ich immer wieder nach oben schauen, zu Hammer und Sichel, ganz in Gold und umkränzt von den Worten „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ Sie werden gehalten von einem rostigen Gerippe, durch das beruhigend Himmel und Sonne blitzen.

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!
Proletarier aller Länder vereinigt Euch!

Ich trete in die Mitte des Saals und plötzlich sind sie alle versammelt: Marx, Engels und Lenin und Blagoev mit dem tollen Bart. Die Partisanen, die Bauern, die russischen Soldaten und die Frauen mit den traktorstarken Armen. Und einer, der aussieht wie Christus auf dem Weg zum Kreuz. Eine Stelle in der Ahnengalerie jedoch ist leer. „It’s just a head“ hat jemand hingesprüht. Das muss Schiwkow gewesen sein, dem sie das Gold aus dem Gesicht gekratzt haben.

It's just a head!
It’s just a head!

Am Abend sitzen wir bei alten Freunden von Janis Familie am Abendbrottisch. Tante Dimi erzählt, wie sie Mitte der Achtziger mit ihrem Mann einmal im Ufo übernachtet hat. Überall weißer Marmor und helle Teppiche und Krim-Sekt und Berge von Essen aus dem gesamten Ostblock. Tante Dimi war überzeugte Kommunistin. Deshalb und weil sie und ihr Mann bei der Marine waren, bekam die Familie sehr bald eine Wohnung in einer Plattenbausiedlung am Rand von Varna. Mit Aufzug, Zentralheizung und fließend Warmwasser. Heute lebt Tante Dimi noch immer in der Wohnung. Der Aufzug funktioniert nur phasenweise. Die Straßen sind voller Löcher. Aber vom Balkon aus kann man über die ganze Stadt schauen und hinter der Fabrik schimmert das Meer.

Der Kommunismus und ich.
Der Kommunismus und ich.

Wirklich gute Fotos von Busludscha und anderen kommunistischen Denkmälern, die mit extraterrestrischen Lebensformen zu kommunizieren scheinen, hat der bulgarische Fotograf Nikola Mihov gemacht.

Hier eine Auswahl seiner ausgezeichneten Arbeit.

Am Grab von Georgi, dem Bären

Wo Menschen ihre Toten mit Wein begießen und ihnen Kaffeebecher ans Grab stellen, muss der Glaube ans Jenseits besonders stark sein.

Eine Bildergeschichte vom Hauptfriedhof in Burgas

Eine halbe Stunde schon sitze ich am Fuß eines Stromhäuschens auf dem Hauptfriedhof von Burgas. Die Augustsonne knallt mir senkrecht auf dem Kopf, die Luft flimmert. Ich überlege, ob Elektrosmog auf Friedhöfen ebenso tödlich ist wie auf deutschen Ackern neben der Autobahn. Der Schwarm minisküler Mücken über mir ist jedenfalls quick und lebendig. Freudig fallen sie mir in den Nacken und attackieren meine bereits distel-zerkratzen Beine.

Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe
Insignien eines vergangenes Lebens: Akkordeon, Weinglas und Fluppe

Ein Fluch fliegt vom nahen Gräberfeld herüber. Jani kann das Grab seines Vaters und Großvaters nicht finden. Überall nur hohes Gras und Disteln. Dichtes Gebüsch und ganze Bäume sind seit seinem letzten Besuch auf Wegen und Beeten gewuchert. Und die Grabsteine sehen alle gleich aus. Einfache Betonplatten, in den Sechziger und Siebziger Jahren schräg angeschnitten, danach wieder rechtwinklig. Die Fotos der Toten sind vergilbt, die meisten kaum mehr zu erkennen.

Ich nutze die Zeit, um ein wenig Gräberkunde zu betreiben. Der Umgang eines Volkes mit seinen Toten dürfte einiges über die Werte einer Gemeinschaft verraten, über deren Vorstellungen von Leben und Tod und was auch immer danach kommen mag. Darüber kommt man sonst nicht so einfach ins Gespräch mit den Nachbarn oder den Kollegen aus dem Coworking Space.

 

Georgi, der Bär
Georgi, der Bär

Auf dem Weg in den hinteren Teil des Friedhofs waren wir bereits an einigen Kuriosa vorbei gekommen. Ein lebensgroßer Bär etwa, der sich bedrohlich über vertrocknete Osterglocken und ein paar Plastik-Nelken erhebt. Hier liegt Georgi, der Bär, erklärt die Grabinschrift. Falls Georgi Glück hatte, führt er im Jenseits jetzt tatsächlich das unbeschwerte Leben eines Bären.

Auch Grabsteine in Form von Surfbrettern, Schmetterlingen und Engelsflügeln gibt es. Reich verziert mit Fotos der Verstorbenen und Insignien ihres vergangenen Lebens: Handy, BMW Boxhandschuhe und Computer. Für Dimtscho Akkordeon, Weinglas und Fluppe. Und für DJ „Joro, das Beil“ natürlich die Turntables. Bestimmt läuft in der Himmelsdisco jetzt beilharter „Chalga“, bulgarischer Ethno-Pop aus Engelszungen.

Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes
Stojan: blondierte Mähne, Handy und Mercedes

Manche Grabsteine offenbaren auch unwahrscheinlichen Karrieren wie sie nur in Bulgarien nach der Wende möglich waren: Jantscho Patrikov etwa wurde vom Ringer zum erfolgreichen Geschäftsmann. Wie könnte er sich sonst einen Gladiolen besteckten Logenplatz am Hauptweg leisten?

Allein die Abbildung der Toten, oft im glücklichsten Moment ihres Lebens, gruselt mich. Stojan, die blondierte Mähne vom Winde verweht, das Handy in der Hand, der Mercedes im Hintergrund. Krasimir, das „Brüderchen“, beim Kitesurfen, Snowboarden, Motorradfahren und Posieren für die Kamera. Oberstleutnant Atanasov in Uniform, lässig in die Sonne blinzelnd. Und die junge Slatina mit der zweijährigen Maria auf dem Arm. Beide gestorben am selben Tag. Darunter der Spruch: „Keiner ist tot, solange es jemanden gibt, der ihn liebt“.

Vor allem die jungen Gesichter in den ersten Reihen fallen mir auf. Jungs mit dicken Muskeln und kindlichen Augen. Es sind womöglich „Mutra“ (zu deutsch „Fratze“), Mitglieder der ortsansässigen Mafia, die im Kampf für die Sache ums Leben kamen. Der Clan ehrt sie mit besonders pompösen Grabsteinen, Marmorplatten, Chromgestängen und roten Absperrkordeln wie im Museum. Je näher am Gehweg, desto mehr Ehre. Und je näher am Eingang, desto mehr und häufiger wohl auch die potenziellen Besucher.

 

Best Dad, best intellect: Dido
Best Dad, best intellect: Dido

Nie hätte ich gedacht, dass die Steinmetzkunst am äußersten Rand Europas, auf einem Friedhof am Schwarzen Meer, ihren mir unbekannten Höhepunkt erreicht. Die gemeißelten Gesichter auf den Grabsteinen wirken so lebendig, als fingen sie gleich zu sprechen an. So wie Dido, ein früh ergrauter Endvierziger. Mit in die Seiten gestützten Armen, geradezu agil präsentiert er sich auf seinem Grabstein. „Best Dad. Hands down“ steht auf seinem T-Shirt.

Die Steinmetze müssen ganze Arbeit geleistet haben, um Didos Armband-Uhr und den Ehering so zum Glänzen zu bringen. Aber wahrscheinlich ist es eher eine digital gesteuerte Maschine, die Bilder in HD und 3D-Optik in den Marmor fräst.

Unter Didos Bild eine Inschrift, die es mit einem altrömischen Epigramm aufnehmen könnte: „Wir verbeugen uns vor Deinem Intellekt, Deinen vielseitigen Interessen, großem Wissen und breiter Bildung.“ Im Angesicht eines Mannes in Motto-T-Shirt („Best Dad“) und Jägerweste eine offensichtliche Text-Bild-Schere.

Chalga auf dem Friedhof

Von hoher Kunstfertigkeit zeugen auch die grell bedruckten Glasplatten, die sich besonders auf Kindergräbern einiger Beliebtheit erfreuen. Comic-Helden, Engelchen und Schmetterlinge vor Wiesenidyll. In einem Glaskasten, ganz nah an der Erde, entdecke ich bemerkenswerte Grabbeigaben: Ein weißer Tiger und ein Affe aus Plüsch, ein Wasserfläschchen aus Plastik (geöffnet) und ein Kaffeebecher samt Löffel. Nach langem Schlaf im Schmetterlingsgrab weckt so ein Nescafé aus der Lieblingskeramik sicher schöne Erinnerungen.


Georgi, der Bär, musste sich wohl mit Wein begnügen. Wie die leeren Flaschen an frischen Erwachsenen-Gräbern zeigen, ist es in Bulgarien Tradition nach Blumen und Erde auch Wein ins Grab zu schütten. Das hilft beim Einschlafen und tilgt böse Gedanken.

Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende
Kreuz statt Stern: Beerdigung vor und nach der Wende

Wie bei den alten Römern

Weiter hinten, wo die Wege nicht mehr so gepflegt sind, tauchen öfter auch Kommunisten-Sterne auf den Grabsteinen auf. Ließen sich die Genossen eigentlich vom Popen begraben? Oder sprach da der lokale Parteisekretär das letzte Geleit? Und was, wenn die Witwe sich nach drei Jahrzehnten, zwei Inflationen und einem Systemwechsel nur mit dem Segen der Kirche zu ihrem Mann legen will? Dann wird einfach ein Kreuz vor Grabstein gesetzt – ohne Stern.

Ein Motorrad fürs Jenseits
Ein Motorrad fürs Jenseits

Gerade im Vergleich mit den schlichten, zuweilen fast abstrakten Grabsteinen aus sozialistischer Zeit fällt heute ein übersteigerter Realismus in der Gestaltung auf. Der postsozialistische Kitsch, den ich aus Shopping-Malls und Wohnungseinrichtungen kenne, macht nicht einmal vor dem Friedhof halt. Überall Pastell, Plastikblumen, Markenlogos und dicke Uhren.

Vielleicht weil die Menschen erfahren haben, dass Ideen von heute auf morgen nichts mehr wert sein können, klammern sie sich heute so sehr an materielle Werte. Und diese bleiben ihnen sogar im Jenseits erhalten, wenn sie nur sicher in einem Glaskästchen am Grab bereit liegen. Ein heidnischer Totenkult wie bei den alten Römern. Auch ihnen galt als höchste Kunst, jede Falte der Verstorbenen möglichst detailgetreu nachzumeißeln.

Plötzlich Rufe aus dem Elektro-Smog-Gebiet. Jani hat das Grab seines Vaters gefunden. Ein wild wucherndes Nadel-Ungetüm hatte den Grabstein, ha, unter sich begraben. Ein Kommunisten-Stern ist nicht drauf. Nur die ausgeblichenen Schwarz-Weiß Fotos zweier gar nicht so alter Männer. Wir reißen trockene Wurzeln aus dem Boden und pflanzen zwei kleine Rosenbäumchen in die Wüste. Hoffentlich überleben sie wenigstens die eine Woche bis wir wieder in Sofia sind.

 

Carmen im Schnee

Es schneit und schneit und schneit. Schon seit Tagen. Wohlig wollen wir uns in einen Kinosessel werfen und den neusten bulgarischen Blockbuster sehen. Dank des internationalen Filmfestivals laufen die für ein paar Wochen mit englischen Untertiteln. Als wir mit dem Strom der Menge aus der U-Bahn laufen, kommen wir an einer Frau vorbei, die betörend schön das Ave Maria singt. Die ganze Unterführung, dunkel und grau und in den Ecken elendig stinkend, ist erfüllt von ihrer Stimme. Wie alle haben wir es eilig und huschen schnell an ihr vorbei. Es bricht mir das Herz, ihr nichts zu geben, aber dem anerkennenden Blick, den ich ihr wenigstens schenken will, weicht sie aus.

Zwanzig Minuten später (der Film war leider schon ausverkauft) schlendern wir den Pracht- und Einkaufsboulevard Vitosha entlang. Bezaubernde Stimmung an einem bitterkalten Sonntagabend: Es liegen schon zwanzig Zentimeter Schnee und es rieselt immer weiter.  Plötzlich kommen uns Opernmelodien entgegen. Die Frau aus der U-Bahn steht im Eingang von „More&More“, wo alles gerade zur Hälfte rausgeschmissen wird, und singt Carmen. Wunderschön und mit Feuer in der Stimme. Sie muss professionelle Sängerin sein. Neben ihr ein uralter Laptop und ein Kinder-Lautsprecher, aus dem das Orchester kommt. Passanten bilden einen Kreis, sie tritt aus dem Eingang heraus und tanzt und dreht sich in den Flocken als stände sie tatsächlich auf der Bühne. Stolz, mit Glut in den Augen.

Die Menschen klatschen, Bravorufe. Alle zücken ihre iphones, aber mir ist es peinlich das jetzt aufzunehmen. Eine bulgarische Carmen mit selbst gestrickter Mütze und blauen Lippen. Eine Frau im Pelzmantel drückt der Sängerin einen Geldschein in die Hand. „Gehen Sie nach Hause, es ist kalt. Sie müssen auf Ihre Stimme achten“, übersetzt mir Jani. Die Sängerin schlägt die Augen nieder und singt die nächste Arie. Diesmal auf italienisch.

Auch wir legen etwas in den Papierbecher. Zehn Leva (umgerechnet fünf Euro). Ich frage mich noch, ob das nicht zu viel ist. Als ich zu Hause meinem Mantel in den Schrank hänge und all die teuren Kleider sehe, die ich aus Deutschland mitgeschleppt habe, schäme ich mich.

 

PS: Ein paar Tage später sehen wir einen Bericht im Fernsehen. Eine bulgarische Opernsängerin ist nach zwanzig Jahren in Australien nach Hause zurückgekehrt. Sie hat  noch kein Engagement hier, aber sie hatte so Heimweh.

 

https://www.youtube.com/watch?v=OYfMRZTDLZQ

Plädoyer für ein Leben im Abseits

Warum ich ein Leben in Bulgarien versuche

Bulgarien? Ziehst Du dann nach Bukarest? Das fragte eine Freundin, als ich ihr ankündigte, für ein halbes Jahr oder mehr in den Osten zu gehen. Bulgarien mit Rumänien zu verwechseln oder wenigstens ihre Hauptstädte durcheinander zu bringen, ist für eine promovierte Völkerrechtlerin und überzeugte Europäerin zwar peinlich – schliesslich hatten besagte Freundin und ich vor zehn Jahren an dieser Pariser Elitehochschule noch alle Länder der Erde samt Hauptstadt und Bruttosozialprodukt auswendig gelernt – aber immerhin mehr als ein Schulterzucken. Denn das war die häufigste Reaktion, die ich mit der Verkündigung meiner Pläne erntete.

Skipisten und Sandstrände? Erfinder des Joghurts? EU-Mitglied? NIEMALS!

All das zeigt, wie relevant Südosteuropa für Menschen aus dem Zentrum Europas ist. Nämlich gar nicht.

Ehrlich gesagt, ging es mir ähnlich, bevor ich vor sechs Jahren meinen Freund kennenlernte. Als gebürtiger Bulgare, der nach zwanzig Jahren in Deutschland fast mehr Fremdwörter beherrscht als ich, muss er sich beim ersten Kennenlernen den immer gleichen Spruch anhören: Jani? Ist das eine Abkürzung? Bist Du Grieche? Ich geb’s zu:  Das hab ich ihn auch gefragt.

Dann kamen verliebte Tage am Schwarzen Meer,  Ausflüge zu einsamen Bergdörfern und sowjetischen Denkmälern, Aufwachen zu Hahnengeschrei und ein Paprikasommer, dessen Düfte ich nie mehr vergessen werde. Sicher,  es knallte auch ein Schuss durch die Sommernacht, weil sich zwei Stiernacken beim Rakia in die Haare gekommen waren. Und die Roma-Kinder, die auf ihren Pferdefuhrwerken an den schicken Bars der Hauptstadt vorbei kutschierten, ließen gesellschaftliche Untiefen erahnen, von denen nichts in den Berichten an die EU-Kommission in Brüssel steht.

Für mich war Bulgarien eine fremde Welt, die mich rätselhaft anzog. Balkan – nur viel freundlicher als Ex-Jugoslawien, dessen Kriegsflüchtlinge in den Neunzigern in meine Klasse kamen. Vor allem aber spürte ich bei meinem Freund und allen Exil-Bulgaren, die ich mit der Zeit kennenlernte, etwas, das ich nicht kannte und um das ich sie heimlich beneidete. Eine heiße Sehnsucht nach dem Land ihrer Kindheit, ein unterschwelliges „Wenn es hier nicht klappt, kann ich immer noch nach Hause zurück.“

Als sich dann ein Schlupfloch in unseren Arbeitsverträgen ergab, war klar: Wir versuchen ein Leben in Bulgarien – in der Hauptstadt SOFIA. Mal sehen, wie lang es uns gefällt.

Ein Leben am südlichen Rand Europas, abseits vom Wahren, Guten und Schönen, jedenfalls von allem, was die deutschen Feuilletons interessiert. Kurz: Ein Desaster für meinen Lebenslauf. Die Bekannten mit den guten Jobs zogen die Augenbrauen hoch. Der Onkel, der seine Patentochter endlich im „wahren Leben“ mit sozialversichungspflichtigem Job sehen möchte, sah Hopfen und Malz verloren. Ganz zu schweigen von der Oma, die „den Osten“ nur aus den Fronterzählungen ihres verstorbenen Mannes kennt. Aber alle wussten: Das Abseitige hat mir schon immer gefallen.

Da bin ich nun also: In Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Dieser Blog erzählt von meinem Leben hier.