Forget your past!

Wie ich einmal versuchte mit extraterrestrischen Lebensformen Kontakt aufzunehmen und auf einem Gipfel im Balkangebirge ein Ufo landete.

Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.
Die Geschichte Bulgariens: Ein Abenteuerspielplatz für Skater und Sprayer.

Bisher hatte ich gedacht, das bizarre Denkmal im Park vor unserer Haustür sei an Monstrosität und Traurigkeit nicht mehr zu übertreffen. Ein rostiges Stahlgerippe ragt schräg ins Panorama. Die riesenhaften Metallfiguren sind nur zur Hälfte abmontiert, die stolze Brust des Partisanen ist aufgerissen und innerlich hohl. Notdürftig abgesperrt haben Sprayer und Skater den Betonsockel in Beschlag genommen.

Aber Niky, ein befreundeter Fotograf, erzählt mir, in den Bergen im Landesinneren gebe es noch etwas viel Unglaublicheres. Ein verlassenes Beton-Ufo auf einem Gipfel, das seit der Wende stetig vor sich hin bröckelt. Die Kommunisten hätten es 1981 zur 1300 Jahr-Feier Bulgariens dort abgesetzt, weil 90 Jahre zuvor hier auf dem Busludscha-Gipfel die Kommunistische Partei Bulgariens gegründet worden sei. Diktator Schiwkow ließ sich im Versammlungssaal neben Marx und Lenin mit golden Mosaiksteinchen verewigen. Trat der Bauernführer nach einer Sitzung in den Gang hinaus konnte er über die prächtigen Weiten der bulgarischen Tiefebene blicken und sich mit einem Glas Krim-Sekt in der Linken an der eigenen Allmacht berauschen. Nach der Wende kratzten ihm enttäuschte Genossen die goldenen Steinchen aus dem Gesicht.

Da wollen wir hin!

Dimitar Blagoev am Fuße von Busludscha
Der erste Kommunist Bulgariens: Dimitar Blagoev.

Nach einer langen Fahrt durch eine ausgedörrte Ebene empfängt uns am Fuße des Balkangebirges Dimitar Blagoev. Er gilt als Vater des Bulgarischen Sozialismus und Gründer der ersten Sozialdemokratischen Partei des Balkans. Die Marmorverkleidung am Denkmalsockel bröckelt etwas, dafür ist die Säule daneben frisch sandstrahlgereinigt – mit EU-Mitteln wahrscheinlich.

Oben auf dem Gipfel sitzt schon das Ufo, flankiert von einem kommunistischen Campanile, mit rotem Stern statt Kreuz. In großzügige Schleifen haben die Erbauer eine autobahnähnliche Auffahrt um den Berg gelegt. Alle 400 Meter gibt es riesige Haltebuchten, wo ganze Horden von Bussen pausieren können, während die Passagiere an steinernen Bank-Tisch-Ensembles Würste vertilgen. Volksfeststimmung muss hier geherrscht haben, wenn ausgewählte Volksgenossen einmal jeden Sommer zum Parteigeburtstag hierher pilgern durften.

Heute parkt auf dem Plateau vor der letzten Wegbiegung ein Mercedes und ein Bully aus Schweden. Statt Kommunisten zieht es heute Architekturtouristen und Ruin-Porn-Fans aus aller Welt hierhin. Ist ja auch wunderbar, wie sich vor der Kulisse des Ufos zwei expressive Hände aus dem Stein schälen, Fackeln haltend, deren Feuer sich vom Wind getrieben zu einer einzigen Flamme eint.

Eiserne Fäuste und Fackeln vor Ufo.
Vom Winde verweht: Das eiserne Feuer der Freiheit.
Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.
Der Kommunismus und ich: Ein Selfie-Stick schiebt sich durch die Scherben.

Ganz oben weht ein scharfer Wind. Der Stern auf dem Campanile ist riesig und rot verglast. Muss ein guter Effekt gewesen sein, nachts am Parteigeburtstag. Heute ist die Sternmitte zerborsten und an den unteren Ecken rinnt rote Farbe den Beton entlang. Jemand schiebt einen Selfie-Stick durch die Scherben. Gelächter. Kurz nach der Wende sollen sie sogar auf den Stern geschossen haben, weil sie glaubten er sei aus echten Rubinen.

Von schräg unten sieht das Ufo noch bombastischer aus als erwartet. „Never forget your past“ steht über dem verrammelten Eingang. Das „Never“ hat ein zweiter Geschichtsdeuter nachträglich hinzugefügt. Noch schöner ist das „Enjoy Communism“ daneben – gesprayt in Coca-Cola-Type. Offensichtlich etwas länger schon kleben die gigantischen kyrillischen Buchstaben rechts und links am Sockel. Es sind Verse aus der Internationalen. Großartig, wie die Beton-Lettern da zum Teil aus ihrer Verankerung kippen! Von manchen ist nur noch ein Schatten übrig.

Enjoy Communism!
Enjoy Communism!

Über ein Loch auf der rechten Seite klettern wir ins Innere. Rostige Eisenstreben, Scherben, Schutt. Das Gerippe einer Treppe führt uns auf die Galerie. Könnte wirklich der Blick aus dem Star-Trek-Cockpit sein. Ziemlich karg und verdorrt ist es auf diesem Planeten Bulgarien. Ob hier überhaupt menschliches Leben möglich ist?

Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?
Ist menschliches Leben hier überhaupt möglich?

Ein metallisches Klappern liegt über der Szenerie. Als wir den großen Saal betreten, weiß ich warum. Die Dachbleche über der Kuppel sind locker. Wenn der Wind sich eines der Dinger greift, möchte ich nicht in der Nähe sein. Trotzdem muss ich immer wieder nach oben schauen, zu Hammer und Sichel, ganz in Gold und umkränzt von den Worten „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ Sie werden gehalten von einem rostigen Gerippe, durch das beruhigend Himmel und Sonne blitzen.

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!
Proletarier aller Länder vereinigt Euch!

Ich trete in die Mitte des Saals und plötzlich sind sie alle versammelt: Marx, Engels und Lenin und Blagoev mit dem tollen Bart. Die Partisanen, die Bauern, die russischen Soldaten und die Frauen mit den traktorstarken Armen. Und einer, der aussieht wie Christus auf dem Weg zum Kreuz. Eine Stelle in der Ahnengalerie jedoch ist leer. „It’s just a head“ hat jemand hingesprüht. Das muss Schiwkow gewesen sein, dem sie das Gold aus dem Gesicht gekratzt haben.

It's just a head!
It’s just a head!

Am Abend sitzen wir bei alten Freunden von Janis Familie am Abendbrottisch. Tante Dimi erzählt, wie sie Mitte der Achtziger mit ihrem Mann einmal im Ufo übernachtet hat. Überall weißer Marmor und helle Teppiche und Krim-Sekt und Berge von Essen aus dem gesamten Ostblock. Tante Dimi war überzeugte Kommunistin. Deshalb und weil sie und ihr Mann bei der Marine waren, bekam die Familie sehr bald eine Wohnung in einer Plattenbausiedlung am Rand von Varna. Mit Aufzug, Zentralheizung und fließend Warmwasser. Heute lebt Tante Dimi noch immer in der Wohnung. Der Aufzug funktioniert nur phasenweise. Die Straßen sind voller Löcher. Aber vom Balkon aus kann man über die ganze Stadt schauen und hinter der Fabrik schimmert das Meer.

Der Kommunismus und ich.
Der Kommunismus und ich.

Wirklich gute Fotos von Busludscha und anderen kommunistischen Denkmälern, die mit extraterrestrischen Lebensformen zu kommunizieren scheinen, hat der bulgarische Fotograf Nikola Mihov gemacht.

Hier eine Auswahl seiner ausgezeichneten Arbeit.

Der Lada, Orpheus und ich (II)

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf wild gewordene Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten.

Drei Tage und Nächte darf der Lada vom dem Gemeindehaus in Orpheus Geburtsdorf ausruhen. Orpheus Lieblingsplatz im Gebirge ist nur zu Fuss erreichbar und auch meine postsowjetischen Yoga-Arme brauchen ein bisschen Pause. Auf dem Weg durch den Orpheus-Sektor entdecken wir einige noch viel „authentischere“ Sowjet-Autos als unseres. Im Schnee versunkene Trabis, rostige Moskwitschs, einen LKW mit Namen „ZIL“ und einen Kleinbus mit dem noch lustigeren Namen „UAZ“ (Sowjet-tyische Abkürzung für Ulyanovsk Autofabrik, benannt nach Lenins bürgerlichem Namen). In einem entlegenen Bergdorf pflegt der letzte Bewohner seinen beigen Wartburg wie seinen Augapfel, obwohl er damit längst nicht mehr auf die Strasse darf.

Ausruhen vor dem Gemeindehaus "Bewusstsein" in Orpheus Geburtsort Gela.
Ausruhen vor dem Gemeindehaus „Bewusstsein“ in Orpheus Geburtsort Gela.

Wie stolz bin ich plötzlich Fahrerin eines im Vergleich nagelneuen Lada in Russisch-Bordeaux zu sein. Der Lada galt im Ostblock als das Eleganteste, was diesseits der Mauer produziert wurde. Seine klaren Formen erinnern an mich an den alten Volvo meines Vaters – mit viel Fantasie sehe ich sogar etwas Saab darin. Mein Lada hat schöne braune Kunstledersitze. Und dieser Choke ist ein wirklich hilfreiches Werkzeug, wenn man ihn nicht wie ich während der ganzen Fahrt anlässt.

Nach zweistündiger Wanderung erreichen wir Orpheus Lieblingsplatz, ein sonniges Hochplateau, auf dem langsam der Schnee schmilzt. Hier soll der Barde gesessen haben und besonders gern auf den gegenüberliegenden Berg geschaut haben. Der sieht aus wie eine Pyramide und habe ihn wahrscheinlich an Ägypten erinnert.

So erzählt es uns der Mann vor der orthodoxen Kapelle, die mitten auf der Rasenfläche steht. Seine Familie habe den Innenraum nach der Wende auf eigene Kosten renoviert. Der Staat kümmere sich eben um nichts. Jetzt wache jeden Tag ein Familienmitglied vor dem Eingang, um die Kirche vor Vandalismus zu schützen. Die Ikonen im Inneren sind wirklich hübsch. Es ist aber auch sehr dunkel.

Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.
Bulgarisches Kriegerdenkmal unter russischer Birke.

Ein paar Meter weiter erinnert ein sozialistisches Denkmal an die Gefallenen aller möglichen Kriege, in die Bulgarien sich verwickelt hat. Die weißen Marmorplatten haben Risse oder fehlen ganz. Hier fühlt sich offensichtlich keine Familie verpflichtet, auf eigene Fast zu renovieren, erst recht steht keiner Wache.

Am Rande des Geländes fällt uns ein merkwürdiges Betongebilde ins Auge. Umwuchert von einem Dornbusch sollte es wohl ein Klohäuschen mit zwei Kabinen werden. Dahinter geht es sanft den Abhang runter. Ist das hier vielleicht der Eingang in die Unterwelt? Und nicht diese Höhle mit dem plakativen und ganz und gar unglaubwürdigen Namen „Teufelsrachen“?

Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.
Getarnt als Dudelsackklo: Der Eingang in die Unterwelt.

Es ist doch höchst unwahrscheinlich, dass Orpheus einen so touristischen Ort wie eine Tropfsteinhöhle passieren musste, um seine Eurydike zu finden. Nein, der wahre Eingang in die Unterwelt muss unscheinbar sein. Hades will doch sicher vermeiden, dass jeder Orpheus seine Eurydike findet. Die sollen ruhig weiter in irgendwelchen Tropfsteinhöhlen suchen.

Der Hüter der Kapelle erzählt, dass sich jedes Jahr im August knapp 2.000 Menschen auf dieser Anhöhe versammeln, um ganz im Sinne Orpheus das „Internationale Dudelsack Festival“ zu begehen. Toll! Schneeweisse bulgarische Dudelsäcke treffen Dudelsäcke mit brauner Haut und in Schottenrock. Sie entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten und dudeln über Sprachgrenzen hinweg nationale Volkslieder. Vielleicht hat Diana Ross sogar hier ihre „Mysterious Bulgarian singers“ gefunden. Dudelsackveteranen aus aller Welt sitzen im Abendlicht beisammen und schauen auf Orpheus Pyramidenberg. Sie essen Köfte und grillen ganze Lämmer. Währenddessen vergleichen sie die Promillerekorde ihrer landestypischen Schnäpse. Schottischer Whiskey vs. bulgarischen Rhakia. Der Rhakia gewinnt natürlich immer. Ab und zu verschwindet einer in der Kloruine. Die anderen sind so vertieft in die Völkerverständigung, dass sie gar nicht merken, dass ihr Kamerad nie wieder auftaucht.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem scheinbar verlassenen Hof vorbei. Vier entfesselte Hunde schlagen an. Der eine ist so alt, dass er nur noch heiser röcheln kann. Das aber aus voller Kehle. Ein kleinerer rast wie wild am maroden Holzzaun entlang. Zehn Meter weiter fletscht ein schwarzer Rottweiler seine Zähne. Gleich springt der Holzpflock, an dem seine Kette angebunden ist, aus dem Boden. Uns schauert. Wird das Reich des Hades nicht auch von einem gewaltigen Hund bewacht? Plötzlich ist klar: Das Hochplateau mit dem Kriegerdenkmal und den Dudelsackklos. Das war schon die Unterwelt. Wir haben nur den Hintereingang genommen.

 

Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.
Ebenfalls gut bewacht: Der Eingang zu folkloristischen Souvenirladenhölle.

 

 

 

 

 

 

 

 

PS: Bei nachträglichen Recherchen stelle ich fest, dass das „Internationale“ Dudelsackfestival gar nicht so völkerverständigend ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Eigentlich handelt es um einen nationalen „Wettstreit“ der besten bulgarischen Dudelsackbläser und Volkstanzgruppen. Orpheus Lieblingsplatz wird zu einem gigantischen Zeltplatz, es werden bulgarische Fahnen geschwungen, Jung und Alt tragen Tracht und tanzen stundenlang im Kreis. Köfte und Rakia gibt es natürlich trotzdem.

Das Ganze wird live im staatlichen Fernsehen übertragen. Hier ein kleiner Ausschnitt.

 

Der Lada, Orpheus und ich (I)

Wie wir einmal Orpheus besuchten, mit dem Lada im Schnee stecken blieben und mir klar wurde, warum sowjetische Frauen auf den Plakaten immer so starke Arme haben.

Über Ostern wollen wir Orpheus besuchen. Es erscheint uns folgerichtig in den Tagen nach Christi Kreuzigung einen Blick in das Reich des Hades zu werfen. Der Eingang dahin liegt nahe der griechischen Grenze in den Westrhodopen, 17 km vom göttlichen „Devin“ entfernt. Durch eine Tropfsteinhöhle mit dem wenig subtilen Namen „Rachen des Teufels“ soll Orpheus seiner Eurydike in die Unterwelt gefolgt sein. Wir hoffen auf Herberge in einem der vier Dörfer, die für sich in Anspruch nehmen Orpheus Geburtsort zu sein. Dort gibt es ein in Sofia gepriesenes Hotel mit „Spa“. Ausserdem kann man schön wandern und in den Tavernen gibt es Milchlamm mit selbstgebranntem Schnaps.

Für den Ritt dorthin leiht uns Rumen, der Vater einer Freundin, sein Drittauto – einen bordeauxroten Lada, den er kurz nach der Wende vor der Schrottpresse bewahrt hat. „Das wird die authentischste Bulgarienreise, die Ihr je unternommen habt“, sagt er. Er wird Recht behalten!

Am orthodoxen Gründonnerstag stehen wir also mit Sack und Pack im Garten eines renovierungsbedürftigen Hauses am Rande des Zentrums. Zur Überraschung unseres väterlichen Freundes springt der Lada gleich an. Mir schwant nichts Gutes. Während Rumen uns das Haus zeigt, die Vorschritte der Bauarbeiten überprüft und mit der Haushälterin scherzt, röhrt im Garten der Lada. Der Choke (ein Wort, das ich aus meiner Kindheit und von der ersten Karre meines Cousins kenne) ist gezogen und der Garten bald eine spektakuläre Kohlenmonoxid-Hölle. Mein deutsches Öko-Herz steht kurz vor dem Infarkt.

Zwanzig Minuten später würde ich alles geben, dieses wohlige Kohlenmonoxid-Röhren auf irgendeine Weise wieder erzeugen zu können. Auf der Suche nach der Ausfallstraße nach Süden hatte ich den Fehler gemacht, an einem Zebrastreifen zu halten. Wildes Hupen, obszöne Gesten, und verständnisloses Kopfschütteln beim Überholen der „wahnsinnigen Idiotin!“. Bereit mich in den „Rachen des Teufels“ zu werfen und nie mehr aus der Unterwelt hervorzulugen, würge ich den Motor ab.

Die erste Station auf dem Weg in die Unterwelt liegt also an einem Zebrastreifen auf dem Patriarch Evtimiy Boulevard, fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Unser väterlicher Freund verspricht Rettung, ist selbst jedoch schon wieder mit „business“ beschäftigt.

Stattdessen taucht wie aus dem Nichts ein Mann mit Sowjetbrille und Lidl-Tüte auf. Wissend und mitleidig schaut er in den Motorraum unseres Ladas. Ja, ja! Kenn ich! Been there! Die beiden Bulgaren, Jani und die Sowjetbrille, treiben ein wenig Konversation. Auf Deutsch. Sobald ich dazu komme, wechseln sie ins Englische. Vielleicht sollten wir Arabisch sprechen, wenn ein Brite hinzutritt? Oder Altgriechisch, falls ein Römer auftaucht? Das entspräche immerhin dem mythologischen Anlass unserer Reise.

Nach zwanzig Minuten absurdem Sprachwettbewerb auf dem Bürgersteig kommt endlich Rumen, unser Freund und Erlöser! Er bedankt sich bei seinem alten Freund, der Sowjetbrille, für die angemessene Unterhaltung der ausländischen Gäste in seiner Abwesenheit. Einmal Choke ziehen, Schlüssel umdrehen und der Lada läuft wieder. Vielsprachiges Lachen von allen Seiten.

Das muss es wohl sein. Dieses Gemeinschaftsgefühl des bulgarischen Sozialismus, das sich auch heute noch im gemeinschaftlichen Warten und Leiden einstellt. Nichts funktioniert, wir können nichts dran ändern, aber wir haben trotzdem Spass zusammen.

 

Oh, Orpheus, oh hilf!

Ein unendlicher Spaß wird auch die darauf folgende Fahrt auf Autobahn und Landstrasse. Die einzigen Fahrzeuge, die wir überholen, sind Pferdekarren. So kommt es mir jedenfalls vor. Nicht, dass es davon tatsächlich noch viele gäbe auf Bulgariens Strassen, aber sie scheinen fast häufiger zu vorzukommen als alte Sowjet-Autos. Wer in Sofia etwas auf sich hält, fährt SUV oder zumindest Opel. Die anderen Ladas sind jedenfalls deutlich zerbeulter als unserer, der seit der Wende die meiste Zeit in der Garage stand. Ganze Familien hocken da drin, zwischen Taschen und Koffern und Melonen auf der Hutablage. Wenn ich aus Spaß mal Gas gebe und beim Vorbeifahren solidarisch winke, schauen mich Bauerngesichter verständnislos an.

In Kreisverkehren und bei Wendemanövern auf offener Landstrasse wird mir klar, warum sowjetische Frauen auf den Propaganda-Plakaten immer so starke Arme haben: Nach einem langen Tag auf dem Traktor, mussten sie (wenn sie gute Verbindungen hatten) noch mit dem Lada nach Hause kurven – und zwar OHNE Servolenkung. Meine postsowjetischen Yoga-Arme können da nicht mithalten.

Wohlwollend tanken wir unser Gefährt bei der nächsten Gelegenheit erstmal voll. Dabei hatte Rumen uns geraten, immer nur für zwanzig Leva (zehn Euro) zu tanken. Fünfzig Kilometer später, verstehen wir warum: Der Tankstopfen ist nur Dekoration und das schöne Bleifrei schwappt bei jeder Kurve aus dem Tank. Auf dem Weg in die Unterwelt haben wir also eine verräterische Benzinspur hinterlassen. Ein Ariadne-Faden, der bei schlechtem Omen leicht Feuer fangen könnte.

Kein Weg nirgends.
Kein Weg nirgends.

Aber es wartet eine noch viel schwierigere Prüfung auf uns. Je näher wir Orpheus und dem westrhodopischen Skigebiet kommen, desto mehr entwickeln sich die fröhlichen, weissen Flocken zu einem verdammten Schneesturm. Wie schön, dass das Isolierband, das den linken Scheibenwischer am winkenden Metallarm festhält, tatsächlich wasserfest ist! Die Schneedecke wird dichter, die SUVs legen schon Schneeketten an. Aber wir haben ja zum Glück solide Sommerreifen.

In den Kurven gibt es jetzt ein lustiges Rutschen, denn unter dem Schnee versteckt sich nun auch noch gemeines, bulgarisches Eis. Irgendwann wird es dem Lada zu viel. Mit durchdrehenden Reifen rutschen wir rückwärts, geradewegs auf den ungesicherten Abgrund zu. Oh, Orpheus, oh hilf! Jani springt aus dem Wagen und stoppt ihn in letzter Minute. „Gas, Baby, Gas.“ Während der Mann schiebt, blase ich ihm eine formschöne, wärmende Kohlenmonoxid-Blase ins Gesicht. Der Lada ächzt und wir noch mehr. Aber wir schaffen es. Orpheus sei Dank.

 

Wie wir an Orpheus Lieblingsplatz auf Dudelsackspieler trafen und über ein ruinöses Klohäuschen doch noch in die Unterwelt gelangten, lesen Sie im zweiten Teil dieser Geschichte.

 

In der Matratzengruft

Erst ein Hexenschuss, dann die Grippe und jetzt bedankt sich mein Magen für das Durcheinander von Schmerz-, Fieber- und Vitamintabletten, das ich ihm tagelang zugemutet habe. Zwei Wochen liege ich in meiner Matratzengruft. Immerhin befindet die sich im Dachgeschoss, was mir detaillierte Einblicke in die Bausubstanz und Sozialstruktur der Nachbarschaft gewährt: bröckelnde Fassaden, kaputte Dächer und eine bucklige Alte, die einmal am Tag ihre Vorhänge zur Seite zieht. Hinter dem maroden Balkon eine Etage tiefer verwandelt sich ein Grossraumbüro jeden Abend in das Schlafzimmer einer jungen Familie mit Baby.

Manchmal lasse ich die Rollos auch tagelang unten. Dann folge ich Georgi Markov ins Bulgarien der Fünfziger und Sechziger Jahre. Seine „Reportagen aus der Ferne“ schrieb er von London aus, nachdem die Sozialisten ihn aus dem Land gejagt hatten. Dissidenten-Gelage am Schwarzen Meer, Ausflüge mit Diktator Schivkov ins Gebirge, irre Geschichten über sowjetische „Spitzenprodukte“, Nachdenken über die die bulgarisch-sowjetische „Freundschaft“.

Ich tauche ein in das paradiesisches Leben der Schriftsteller und Künstler dieser Zeit: ein gutes Gehalt, exklusive Wohnungen, subventionierte Strandurlaube, ein Studium für die Kinder – solange sie mitspielen natürlich. Als Markov das irgendwann nicht mehr tat, musste er gehen. Am 7. September 1978, dem Geburtstag Schivkovs, wurde er im Londoner Exil ermordet. Vom Geheimdienst und laut Ermittlungen per Giftspritze aus einem Regenschirm.

Auf Markov folgt Ilija Trojanows Bericht über die bulgarische „Wende“, die dem deutsch-bulgarischem Autor zufolge eher eine dreiste Umettikettierung des Bestehenden war. Dann kommen Karen Köhlers schöne Kurzgeschichten über kubanische Companeros auf deutschen Krebsstationen und andere Unwahrscheinlichkeiten und Ulla Lenzes „Endlose Stadt“, in der sich zwei Frauen zwischen Mumbai, Berlin und Istanbul in ein Netz aus Kunst, Liebe und Kapitalismus verstricken. Wie sehr fühle ich mit Teresa, der Journalistin, die sich angesichts all der in Mumbai auf sie einprasselnden Eindrücke unfähig fühlt, einen angemessenen Bericht an die Heimat-Redaktion zu schicken. Zu komplex die Realität, zu bruchstückhaft die eigene Erfahrung, zu anmaßend im Grunde der Anspruch, überhaupt irgendwas “Wahres“ über eine fremde Stadt sagen zu können. Fröstelnd falle ich in einen Fiebertraum.

Am nächsten Tag trampte ich mit dem jungen Amerikaner Richard nach Indien. Ja, wirklich, wir „trampen“! Anfang der Siebziger Jahre sind wir nicht die Einzigen, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und einer Opiumhöhle in Goa irrwitzige Risiken eingehen. Von London über Paris, Assisi, Kreta und Istanbul in ein mit Pocken verseuchtes Ostanatolien. Mit dem Bus durch Iran und dem LKW durch Afghanistan und Pakistan. Endlich im Schoß von „Mother India“ reisen wir in übervollen Dritteklassezügen von Guru zu Guru, von Festival zu Festival, von Kloster zu Kloster. Wir erklimmen den Himalaja, schlafen in Höhlen und einmal ertrinken wir fast im Ganges. Die meiste Zeit aber verbringen wir krampfend auf der Latrine.

Sicher manche Nächte verbringe ich auch mit Francis und Clarie Underwood in Washington. Als die sich trennen, kämpfe ich mit Peggy Olsen gegen die Mad Men und irgendwann gehe ich sogar mit den skrupellosen „Suits“ lunchen. Schlafwandlerisch wechselte ich zwischen Francis’ Südstaaten-Slang, Herrenwitzen der Sechziger und dem ekelhaften Powertalk des neuen Jahrtausends.

Bevor ich mich in die Kinderwelt von „To kill a mocking bird“ versenke, muss ich doch einmal raus. Der Magen rumort wieder. Draußen liegt Schnee. Der Bürgersteig ist abgesperrt. Eine Lawine muss vom Dach gefallen sein, jedenfalls türmt sich das Weiss. Ich kann mich nicht orientieren. Sieht alles so anders aus als auf der Madison Avenue, auch als Mumbai so wie ich es mir vorstelle. Wo war noch die Apotheke?

Ich laufe wie in einer Blase. Die Ohren betäubt, Nase verstopft, ein leichter medicine-rush im Kopf. Als ich vor dem Apotheker stehe, will die Zunge nicht recht. Welche Sprache soll’s denn jetzt sein? Underwood-Slang? Hindi? Balkan-Englisch? Der Apotheker grinst und antwortet auf Deutsch.

Wieder auf der Strasse fühle mich verloren. Ich habe keine Orientierung mehr – keine Stimme, kein Ich. Was soll ich bloß hier? Auf diesem kaputten Gehweg in Sofia, dieser fremden Stadt, die ich nicht verstehe und sie mich erst recht nicht? Ich will wieder zurück in meine Dachkammer. In meine Matratzengruft, wo ich die Rollos runterlassen kann, damit ich das Nachbarhaus nicht sehe, nicht die kaputten Dächer und Balkone und auch nicht den Himmel, den grauen. In meinem Nest über der Stadt fühle ich mich geborgen – in Literatur und Geschichten, umgeben von New Yorker Anwälten, kubanischen Kompaneros, iranischen LKW-Fahrern und indischen Yogis. Das „mockingbird“ wartet schon.

Carmen im Schnee

Es schneit und schneit und schneit. Schon seit Tagen. Wohlig wollen wir uns in einen Kinosessel werfen und den neusten bulgarischen Blockbuster sehen. Dank des internationalen Filmfestivals laufen die für ein paar Wochen mit englischen Untertiteln. Als wir mit dem Strom der Menge aus der U-Bahn laufen, kommen wir an einer Frau vorbei, die betörend schön das Ave Maria singt. Die ganze Unterführung, dunkel und grau und in den Ecken elendig stinkend, ist erfüllt von ihrer Stimme. Wie alle haben wir es eilig und huschen schnell an ihr vorbei. Es bricht mir das Herz, ihr nichts zu geben, aber dem anerkennenden Blick, den ich ihr wenigstens schenken will, weicht sie aus.

Zwanzig Minuten später (der Film war leider schon ausverkauft) schlendern wir den Pracht- und Einkaufsboulevard Vitosha entlang. Bezaubernde Stimmung an einem bitterkalten Sonntagabend: Es liegen schon zwanzig Zentimeter Schnee und es rieselt immer weiter.  Plötzlich kommen uns Opernmelodien entgegen. Die Frau aus der U-Bahn steht im Eingang von „More&More“, wo alles gerade zur Hälfte rausgeschmissen wird, und singt Carmen. Wunderschön und mit Feuer in der Stimme. Sie muss professionelle Sängerin sein. Neben ihr ein uralter Laptop und ein Kinder-Lautsprecher, aus dem das Orchester kommt. Passanten bilden einen Kreis, sie tritt aus dem Eingang heraus und tanzt und dreht sich in den Flocken als stände sie tatsächlich auf der Bühne. Stolz, mit Glut in den Augen.

Die Menschen klatschen, Bravorufe. Alle zücken ihre iphones, aber mir ist es peinlich das jetzt aufzunehmen. Eine bulgarische Carmen mit selbst gestrickter Mütze und blauen Lippen. Eine Frau im Pelzmantel drückt der Sängerin einen Geldschein in die Hand. „Gehen Sie nach Hause, es ist kalt. Sie müssen auf Ihre Stimme achten“, übersetzt mir Jani. Die Sängerin schlägt die Augen nieder und singt die nächste Arie. Diesmal auf italienisch.

Auch wir legen etwas in den Papierbecher. Zehn Leva (umgerechnet fünf Euro). Ich frage mich noch, ob das nicht zu viel ist. Als ich zu Hause meinem Mantel in den Schrank hänge und all die teuren Kleider sehe, die ich aus Deutschland mitgeschleppt habe, schäme ich mich.

 

PS: Ein paar Tage später sehen wir einen Bericht im Fernsehen. Eine bulgarische Opernsängerin ist nach zwanzig Jahren in Australien nach Hause zurückgekehrt. Sie hat  noch kein Engagement hier, aber sie hatte so Heimweh.

 

https://www.youtube.com/watch?v=OYfMRZTDLZQ